Gedichte Tafellieder

1

(Damen-Liedertafel in Danzig)

Die Frauen

Gleich wie Echo frohen Liedern
Fröhlich Antwort geben muß,
So auch nahn wir und erwidern
Dankend den galanten Gruß.

Die Männer

Oh, ihr Güt’gen und Charmanten!
Für des Echos holden Schwung
Nehmt der lust’gen Musikanten
Ganz ergebne Huldigung!

Frauen

Doch ihr huldigt, will’s uns dünken,
Andern Göttern nebenbei.
Rot und golden sehn wir’s blinken
Sagt, wie das zu nehmen sei?

Männer

Teure! zierlich, mit drei Fingern,
Sichrer, mit der ganzen Hand –
Und so füllt man aus den Dingern ’s
Glas nicht halb, nein, bis zum Rand.

Frauen

Nun, wir sehen, ihr seid Meister.
Doch wir sind heut liberal;
Hoffentlich, als schöne Geister,
Treibt ihr’s etwas ideal.

Männer

Jeder nippt und denkt die Seine,
Und wer nichts Besondres weiß:
Nun – der trinkt ins Allgemeine
Frisch zu aller Schönen Preis!

Alle

Recht so! Klingt denn in die Runde
An zu Dank und Gegendank!
Sänger, Fraun, wo die im Bunde,
Da gibt’s einen hellen Klang!

2

Trinken und Singen

Trinken und Singen
Viel Essen macht viel breiter
Und hilft zum Himmel nicht,
Es kracht die Himmelsleiter,

Kommt so ein schwerer Wicht.
Das Trinken ist gescheiter
Das schmeckt schon nach Idee,
Da braucht man keine Leiter,
Das geht gleich in die Höh.

Chor

Da braucht man keine Leiter,
Das geht gleich in die Höh.

Viel Reden ist manierlich:
„Wohlauf?“ – Ein wenig flau. –
„Das Wetter ist spazierlich.“
Was macht die liebe Frau? –
„Ich danke“ – und so weiter,
Und breiter als ein See
Das Singen ist gescheiter,
Das geht gleich in die Höh.

Chor

Das Singen ist gescheiter,
Das geht gleich in die Höh.

Die Fisch und Musikanten
Die trinken beide frisch,
Die Wein, die andern Wasser –
Drum hat der dumme Fisch
Statt Flügel Flederwische
Und liegt elend im See –
Doch wir sind keine Fische,
Das geht gleich in die Höh.

Chor

Doch wir sind keine Fische,
Das geht gleich in die Höh.

Ja, Trinken frisch und Singen
Das bricht durch alles Weh,
Das sind zwei gute Schwingen,
Gemeine Welt, ade!
Du Erd mit deinem Plunder,
Ihr Fische samt der See,
’s geht alles, alles unter,
Wir aber in die Höh!

Chor

’s geht alles, alles unter,
Wir aber in die Höh!

3

Zum Abschied

Horcht! die Stunde hat geschlagen,
Und ein Schiffer steht am Bord,
Grüßt noch einmal, und es tragen
Ihn die Wellen rauschend fort.

Sturm wühlt, und die Zeiten bäumen
Sehnsüchtig sich himmelan,
Hoch in solcher Wellen Schäumen
Segle, kühner Steuermann!

Und den letzten Becher, Brüder,
Eh wir hier verlassen stehn,
Und den letzten Klang der Lieder
Auf ein freudig Wiedersehn!

4

Berliner Tafel

Viele Lerchen hellerwacht,
Die zum Himmel steigen,
Viele Sterne in der Nacht,
Vieler Wipfel Neigen,
Viele frische Herzen dann,
Die begeistert lauschen –
Da bricht erst der Lenz recht an,
Klang und Waldesrauschen.

So sind viele hier gesellt:
Rüstige Gesellen,
Die ihr‘ Sach auf Klang gestellt,
Schauspiel und Novellen,
Viele dann, die recht sich freun,
Wenn wir’s löblich machen
Und, greift einer falsch darein,
Auch von Herzen lachen.

Und wo solche Resonanz,
Klingt das Lied erst helle
Wie wir hier vereint zum Kranz,
Blüht die sand’ge Schelle,
Kuckuck ruft und Nachtigall
Und von Lust und Schmerzen
Weckt der Schall den Widerhall
Rings in tausend Herzen.

Ein Land, das ihr schweigend meint
Und wir freudig singen,
Und ein Meer, das uns vereint
Soll hinüberbringen. Frische
Fahrt denn, nah und fern,
Allen mut’gen Seglern,
Die getreu dem rechten Stern,
Schleglern oder Heglern!

5

Die Haimonskinder

Auf feur’gem Rosse kommt Bacchus daher,
Den Becher hoch in der Hand
Sein Rößlein wird wild, sein Kopf ist ihm schwer,
Er verschüttet den Wein auf das Land.

Den Dichter erbarmet der Rebensaft
In den Bügel er kühn sich stellt
Und trinkt mit dem Gotte Brüderschaft –
Nun geht’s erst, als ging’s aus der Welt!

„Ei, sieh da, so einsam, Herr Komponist!
Steig auf mit, ’s ist schad um die Schuh,
Du löst erst die Schwinge – und wo keine ist,
Da mach uns die Flügel dazu!“

Und was sie ersonnen nun, singen die drei.
„O weh!“ ruft ein Sänger herauf,
„Ihr schreit ja die köstlichsten Noten entzwei!“
Und schwingt zu den dreien sich auf.

Nun setzt der Tonkünstler, skandiert der Poet,
Der Sänger gibt himmlischen Schall
Es lächelt Herr Bacchus: „Wahrhaftig, das geht,
Und ’s Trinken verstehen sie all.“

Und wie sie nun alle beisammen sind,
Hebt’s sachte die seligen Leut,
Es wachsen dem Rosse zwei Schwingen geschwind
Und überfliegen die Zeit.

6

Der alte Held

(Tafellied zu Goethes Geburtstag 1831)

„Ich habe gewagt und gesungen,
Da die Welt noch stumm lag und bleich,
Ich habe den Bann bezwungen,
Der die schöne Braut hielt umschlungen
Ich habe erobert das Reich.

Ich habe geforscht und ergründet
Und tat es euch treulich kund:
Was das Leben dunkel verkündet,
Die Heilige Schrift, die entzündet
Der Herr in der Seelen Grund.

Wie rauschen nun Wälder und Quellen
Und singen vom ewigen Port:
Schon seh ich Morgenrot schwellen,
Und ihr dort, ihr jungen Gesellen,
Fahrt immer immerfort!“

Und so, wenn es still geworden,
Schaut er vom Turm bei Nacht
Und segnet den Sängerorden,
Der an den blühenden Borden
Das schöne Reich bewacht.

Dort hat er nach Lust und Streiten
Das Panner aufgestellt,
Und die auf dem Strome der Zeiten
Am Felsen vorübergleiten,
Sie grüßen den alten Held.

7

Toast

Auf das Wohlsein der Poeten,
Die nicht schillern und nicht goethen,
Durch die Welt in Lust und Nöten
Segelnd frisch auf eignen Böten.


Gedichte Tafellieder - Eichendorff