Gedichte In grooß Neugart der Reussen / m. dc. xxxjv

In dessen / daß der Maars bey zweymahl sieben Jahren
Annoch nicht grausam satt berennt und angefahren
Mein wehrtes Vaterland / vor aller Landet Kroon‘ /
Itzt ihr verdammter Haß und angepfifner Hohn;
Er geht noch täglich fort / Gradivus / der Verheerer /
Mit seiner bösen Schaar der geitzigen Verzehrer;
Verderbt / was er nicht mag / äscht Städt‘ und Dörffer ein /
Und lässt für seiner Macht nichts ungebrochen seyn /
Wo anders was noch gantz; so sey ein wenig deine /
Mein Fleming / weil du kanst. Du hast noch dieses eine
Von allem / was du hattst / dich / den dir niemand nimmt;
Wiewohl noch mancher itzt auch ümm sich selbsten kömmt /
Deß andren mehr als sein‘. Ist alles denn verlohren /
So lass‘ es / wo es ist. Es wird noch stets gebohren /
Das so geht wieder hinn. Das blinde Glükke schertzt;
Verwechselt Graab umb Raub. Was ist es / das dich schmertzt?
Fürwar / ein groosses Nichts. Du bist ja noch derselbe.
Leebst sichrer als zuvor. Kanst du nicht umb die Elbe
Und Muulde sicher seyn / so suuch‘ ein‘ ander statt /
Die mit geringrer Lust auch weenger Sorge hatt.
Die Welt ist grooß genung. Stürmt Eol dieser Seiten /
So laß dein kluuges Schiff ihm nicht entgegen streiten.
Fleuch dort nauß / toobt er hier. Ein Weiser dient der Zeit.
Nimmt sein Verhängnüß auff / wie es die Hand ihm beut.
Ist traurend dennoch froh. Ein himmlisches Gemühte
Ist irdnen Sachen feind. Ermannet sein Geblühte.
Schätzt ihm kein Guut nit gleich. Ist an sich selbst vergnügt;
In höchster Armuut reich. Du auch / machs / wie sichs fügt /
Und hülle dich in dich / biß daß sich Sturm und Reegen /
Nach dem sich Föbus zeigt / hinwieder werden leegen /
Deß alten Vatern Noht / der frommen Mutter Leid /
Der lieben Schwester Angst / so vieler Freunde Neid
Setz‘ itzt ein weenig aus. Thu / was der Himmel heisset.
Nimm der Bequemheit wahr / eh sie sich dir entreisset.
Zeuch inn die Mitternacht / inn das entleegne Land /
Das mancher tadelt mehr / als das ihm ist bekandt.
Thu / was dir noch vergünnt der Frühling deiner Jahre.
Laß saagen / was mann wil. Erfahre du das wahre.
Dem traut mann / was mann sieht. Und hoffe diß darbey /
Daß inn der Barbarey auch was zu finden sey /
Das nicht barbarisch ist. Wolan / ich bin vergnüget.
Es hat mich nicht gereut / daß ich mich her verfüget.
Ich binn wohl kommen an / hier / wo Kalisto steht /
Und Arkas / der mier nun fast auff der Scheitel geht.
Der Beldt der war mier guut. Die Düne floß mier linde.
Die Narve war mein Freund. Ich gieng mit gutem Winde /
Wo Wind von nöhten war. Die Volgov seh‘ Ich nuhn /
Die mich ümm ihren Rand lässt nach begehren ruhn.
Wie kann ich doch vorbey. Ich muß die Leute preisen /
Die so / wie diese sind. Besteht es auff erweisen /
So hab‘ ich über recht. Wer loobet nicht den Mann /
Der sein‘ ist / weil er ist? der alles missen kann /
Und alles haben auch? Er ist darzu gebohren /
Daß er vergnügt kann seyn. Mann klaget nichts verlohren /
Wenn sich der Vater leegt / seins gleichen / Er / wächst auff /
Der wohlgezogne Sohn. Erfolgt kein Erbguut drauff /
So ist er selbst sein Teihl. Kein Goldt gehört zum Leeben.
Aus Golde wird kein Bluut. Er sieht ihm / wo’s ihm eben /
Ein trächtigs Plätzlein aus / daß er nicht käuffen muuß /
Als wie man etwan tuht. Da setzt er seinen Fuuß /
Macht Feld und Gärten drauß. Fragt nichts nach hohen Bäuen.
Wenn er nur Hitz und Frost / und so was / nicht darf schäuen /
So ist er wohl versorgt. Geht selbst zu Wald‘ / und haut
Die längsten Tannen aus / bewohnet / was er baut /
Selbst Meister und selbst Wirt. Bekömmt er lust zum Weibe /
Deß Nachbaars Toochter wil; ein Mensch das schön am Leibe /
Und guut vom Hertzen ist; die / daß er sie mehr liebt /
Dem sonst nicht blassen Mund‘ ein liechters Färblein giebt.
Wer suuchte dieses hier? so leeben sie inn stille.
Kein Argwohn kömmt inn sie. Sein Raht der ist Ihr Wille.
Ehrt ihn / ie mehr er heerscht / und hält gewiß darfür /
Ie schärfer er sie hält / ie hulder sey er ihr.
Deß gläubt kein Weib bey uns. Inn dessen ist kein mangel /
Isst / wenn / und was er wil. Speisst / was ihm fängt die Angel /
Was Stall und Nest vermaag / und was sein Garten trägt.
Sein trincken führt der Bach. Der wilde Foorst der hägt
Ihm was auff seinen Tisch. Gelüstet ihm zu jaagen.
Es steht ihm alles frey / Er darf es sicher waagen.
Sein Wind – und Feder-spiel das ist sein Flitz und Pfeil /
Die er wohl selbst gemacht. Ein Messer und ein Beil
Das ist ihm Werck-zeugs satt. Sein Voorraht ist auf heute /
Auff morgen hat ihn Gott. Er zeugt nicht aus auff Beute /
Wie seine Nachbaarn tuhn / die ümm das schwartze Meer /
Die Ton‘ und Wolge sind. Sein Beutel ist nicht schweer /
Doch auch nicht all zu leer. So darf er sich nicht grämen /
Wo er den Unterhalt von Kleidern her sol nähmen.
Sein Schaaff trägt ihm den Beltz; sein Flaachs und Hanf stehn wohl.
Daraus er spinnt und wirkt / so viel er haben sol.
Wird mit Gesundheit alt / weiß weenig von Gebrechen.
Sein Knooblauch ist sein Aartzt. Das übermachte zechen /
Die all zu offte Koost / das zeitigt uns den Todt.
Mann leebe / wie mann sol / so hat es keine Noht.
Verbrechen nährt den Aartzt. Bey sechs mahl hundert Jahren
Hat Room sich frisch und stark bey Kohle können spaaren.
Muß nicht zu Hofe ziehn. Darf keine Frohne tuhn /
In strengsten Diensten frey. Kann unbesorglich ruhn.
Scheut keinen Aconit. Strekt sich in seinen raasen.
Lässt ümm und neben sich sein weenigs Viehlein graasen /
Das ihm ist Reichtuhms satt. Die schöne Nachtigaal
Fleugt über seinen Kopf / verführt so manchen Schaal /
Und schläfft den müden ein. Da liegt er / biß zu morgen.
Ihn plagt kein schwerer Traum / ist weit von allen Sorgen /
Die uns den schlaaff zerreisst. Kein Dieb bricht bey ihm ein.
Frau Armuht lässt ihn wohl für diesen sicher seyn.
Gott muß ihm gütig seyn. Er tuht zu Mitternachte
In Kirchen sein Gebet‘. Er fastet mit bedachte.
Fromm seyn ist seine Kunst. Vonn mehrem weiß er nicht /
Wenn er verstehen mag nur was sein Nachbaar spricht /
So meynt er / hab‘ er gnung. Und was ist ihm mehr nütze?
Kein Mensch wird mehr ein Mensch mit seiner Kunst und Witze.
So giebts vor Gott auch nichts. Wer den inn einfalt ehrt /
Nur ein rein Hertze hat der ist recht hooch-gelehrt.
Es ist ein seltzams tuhn daß wir uns so bemühen
Ümm Ehre Geldt und Kunst; durch ferne Länder ziehen;
Froost / Hitze / Hunger / Durst / Angst / Mühe / stehen aus;
Der Mann kömmt / weil er leebt kaum übers dritte Hauß /
Was binn ich mehr / als Er? Ich wil diers besser weisen /
Wohinn du sichrer solst / und mit mehr nützen / reisen.
Geh / sieh dich selbsten durch. Du selbst bist dir die Welt.
Verstehst du dich aus dier / so hast du’s wohl bestellt.
Drey – viermahl mehr / als wohl dem Volke / das so leebet!
Es kan nicht Elend seyn / weil nichts denn Ruhe schweebet
Ümm seine Häuser her. Die treue Sicherheit
Verwacht sie Nacht und Tag. Deß Glükkes Troß / der Neid /
Kömmt nicht um dieses Land. Zu deß Saturnus Zeiten
Dem diß Volk noch kömmt zu / und was ihm liegt zur seiten /
Ward eben so geleebt. Da war kein mein und dein.
Kein Vorteihl / kein Betruug / der sich hernach schlich‘ ein.
Krieg kömmt von Kriegen her. Hast du dich hier verhalten /
O Einfalt / heilge Zier / von erster Zeit der Alten /
Biß auff die Heefen uns? ist hier dasselbe Land /
Da Ehr‘ und Redligkeit von uns sich hinngewand?

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