Gedichte Wol dem / der Gnad‘ ümm Recht kan finden

Wol dem / der Gnad‘ ümm Recht kan finden /
Bey der / die über ihn rufft weh‘!
Er giebt sein Leid den leichten Winden /
Und läst es tragen über See.
O du verletzte Charitinne /
Bist noch auff deinem harten Sinne.

Er spielet förder auffs gewisse.
Hört nicht / was dem und jenem träumt.
Giebt seiner Liebsten küß‘ ümm küsse /
Und holet nach was er versäumt.
O du verletzte Charitinne
Bist noch auff deinem harten Sinne.

Wie hastu mich so lassen fallen /
Verhängnüß / oder was du bist?
Das schönste Mägdlein unter allen
Hast du betrübt durch deine List.
O du verletzte Charitinne
Bist noch auff deinem harten Sinne.

Ich schwere bey den Flitz‘ und Pfeilen /
Darmit der kleine Gott uns zwingt /
Daß ich mich lassen übereilen /
Diß / was mir nun den Todt fast bringt.
O du verletzte Charitinne /
Bist noch auff deinem harten Sinne.

Hab‘ ich seit der Zeit recht geschlafen /
Hab‘ ich gepflogen einger Lust /
So müsse mich der Knabe strafen /
Dem du so stets zu wieder thust.
Und du verletzte Charitinne /
Bist noch auff deinem harten Sinne.

Ist dieses auch erhöret worden /
Zugleiche schön‘ und grausam seyn?
Kupido führt den frommen Orden /
Bey ihm reißt gantz kein Zanck nicht ein.
Und du verletzte Charitinne
Bist noch auff deinem harten Sinne.

Je höher einer ist vom Stande /
Je weniger bewegt er sich.
Der Pövel braucht der Rach‘ und schande.
Verschonen das steht Königlich.
Und du verletzte Charitinne
Bist noch auff deinem harten Sinne.

Wenn Jupiter stracks straffen solte /
So offt man ihn mit Worten schlägt /
Ich weiß nicht wo er nähmen wolte
Stets / was er in den Händen trägt.
Du nur verletzte Charitinne /
Bleibst stets auf deinem harten Sinne.

Soll denn ein Wort die Krafft nun haben /
Daß es dir brächte so viel Leid?
Nein. Schönste / deiner Tugend Gaben
Die übersteigen allen Neid.
Und du verletzte Charitinne /
Bist noch auff deinem harten Sinne.

Die starcke Krafft der heissen Reben
Ümmnebelt unsern schwachen Muth.
Wer denn auff reden acht will geben /
Der thut nicht / wie ein weiser thut.
Und du verletzte Charitinne /
Bist noch auff deinem harten Sinne.

Die Thränen / die du hast vergossen /
Die sind gefolgt der flucht der Zeit.
Schau / so viel Zeit ist hin verflossen /
Ich weine noch ümm diß dein Leid.
Und du verletzte Charitinne
Bist noch auff deinem harten Sinne.

Hätt‘ ich ein SalamanderLeben /
So wär‘ es wol ümm mich bewandt.
Dein Zornfeur hat mich gantz ümmgeben.
Es steckt mir Leib und Seel in brandt.
Und du verletzte Charitinne
Bist noch auff deinem harten Sinne.

Das böse Meer / das heute brauset /
Wird morgen still‘ und milder seyn.
Wenn Boreas hat außgesauset /
So tritt ein linder Zefyr ein.
Du nur verletzte Charitinne
Bleibst stets auff deinem harten Sinne.

Auff dunckle Nacht folgt heller Morgen.
Auff Winter der gesunde Mäy.
Ist Titan itzo schon verborgen /
Bald zeigt er sein Gold wieder frey.
Und du verletzte Charitinne
Bleibst stets auff deinem harten Sinne.

Komm / schönste / lasse dich versöhnen /
Und schaffe meiner Seelen Rast.
Ich bitte durch die Zier der schönen /
Da du das Lob vor allen hast.
Ach nun / verletzte Charitinne /
Gebeut doch diesem harten Sinne.


Gedichte Wol dem / der Gnad‘ ümm Recht kan finden - Fleming