Gedichte Die irische Witwe

Ich lese wenig jetzt in Zeitungsblättern
Und will mich gern, daß ich es lasse, schämen.
Zuweilen nur, um das Trompetenschmettern
Von den Geschwadern Minas zu vernehmen;
Und am Piräus Ludwigs Sohn zu schauen,
Wie er ihn füllt aufs neue mit Triremen;
Um still erfreut zu segnen Deutschlands Frauen,
Die da ihr Scherflein bringen allerorten,
Daß ihrem Sänger man ein Mal kann bauen;
Und mit dem Herold an des Klosters Pforten
Für Kaiser Franzen Einlaß zu begehren,
Gerührt zu lauschen seinen letzten Worten
Und die Gebete seines Volks zu hören;
Um – an dem Tag, wo er und zwei Genossen
Paris sich öffnen sahen ihren Heeren –
Zum Rhein zu gehn, zum Platz, wo man erschossen
Elf Männer Schills; ein ehern Monument
Wird heut enthüllt dort, wo ihr Blut geflossen –
Um das und andres, was ihr jetzt schon kennt,
Aus minder Tröstlichem, herauszufischen,
Nehm‘ ich zuweilen, was man Zeitung nennt.
So saß ich auch, zwei Monden sind es, zwischen
Kaufherrn und Schiffern auf dem Kaffeehause
Und blätterte, das Herz mir zu erfrischen.
Um mich herum war Summen und Gebrause,
Und laut Geruf‘; – so grade les‘ ich gerne!
Vier Sprachen hör‘ ich nicht auf meiner Klause.
Welsch, Dänisch, Englisch – das erst bringt die Ferne,
Von der ich lese, meinem Geiste nah. –
So denn am Herd, vertrauend meinem Sterne,
Land im Papiermeer suchend, saß ich da.
Rings auf den Tischen klapperten die Steine
Des Domino; – „à Point!“ und drauf: „Point à!“
Begann der Zähler drüben sein Gegreine. –
Nichts! – Umgeschlagen! Ha, was ist das? – Gott!
Es läuft mir kalt durch Adern und Gebeine.
Täuscht mich ein Traum? Bin ich des Schreibers Spott?
Nein, es ist wahr! Es hat sich zugetragen!
Acht Tage sind es kaum! Ich hör‘ den Trott
Der Reiter noch, die nach der Hütte jagen!
Hört: weil ein irisch Weib, in Witwennöten,
Den Zehenten nicht zeitig abgetragen,
Ließ ihr den einz’gen Sohn ein Priester – töten!
Fünf Pfund! – ein Priester! – einer Witwe Sohn!
Die Lippe bebt mir, aber nicht zu beten,
Und die von selbst geballten Fäuste drohn.
Ohnmächtig Zürnen! nennt es nicht so! – ward
Das Wort mir nicht, zu züchtigen den Fron?
Dies Blatt ist einzig für die Gegenwart,
Den Augenblick, fort weht es mit der Stunde;
Doch um den Dichter drängen sich geschart
Die Enkel noch; was er mit seinem Munde
Gebrandmarkt, bleibt es; mächtig dringt das Lied
In Ohr und Herzen, sorgend, daß die Kunde
Nicht untergeht. – Von Zornesloh‘ durchglüht,
Wollt‘ ich das Bild mit seinen kleinsten Zügen –
Da liegt der Sohn! starr, blutig jedes Glied!
Der knienden Mutter greise Haare fliegen; –
Euch augenblicklich vor die Seele stellen,
Treu, Strich für Strich, und keiner sollte lügen.
Es war so leicht! es war Gedicht: – doch Schellen
Des Reims zu hängen an dies Witwenkleid –
Ich mocht‘ es nicht! So meines Zornes Wellen
Dämmt‘ ich zurück in meine Brust bis heut,
Und habe nicht im Liede sie ergossen. –
Jetzt denk‘ ich wieder an das Herzeleid
Der Zitternden, der man den Sohn erschossen.
Zwei Monden sind es – kurze Zeit fürwahr!
Und doch, in mir wie dämmernd, wie zerflossen
Das düstre Bild, wie farblos ganz und gar! –
Ich fragte hastig nach dem alten Blatte:
Verflattert war es längst, und keiner war,
Der da bewahrt in seinem Herzen hatte
Die Schandtat des Entweihers seiner Weihen.
Da fuhr ich auf, warf zürnend auf die Latte
Den Zeitungsstoß; fast wollt‘ es mich gereuen,
Daß ich geschwiegen, da noch frisch im Ohr
Mir klang der Mutter herzzerreißend Schreien.
Es ist geschehn! doch red‘ ich jetzt; – verlor
Sich in mir auch des ersten Eindrucks Frische,
Doch führ‘ ich das Entsetzliche euch vor,
Auf daß nicht ganz die Zeit sein Bild verwische;
Wer wehrt es mir, daß Schatten ich beschwöre?
Wohl red‘ ich nicht, wie am Geschwornentische
Die Witwe sprach, berufen zum Verhöre;
Mit bessern Worten sprach sie, und mit schlichtern.
Doch – vor der Hütte blitzen die Gewehre!
Hört eine Tat, wie sie noch nicht von Dichtern
Beschrieben ward! Hört eines Priesters Schmach!
So sprach die Witwe Ryan zu den Richtern!
„Ich war aufs Feld gegangen jenen Tag,
Unfern vom Dorf; es lag zu meinen Füßen.
Und da mir Dick gesagt: ich komme nach,
So harrt‘ ich sein. Auf einmal hört‘ ich schießen,
Und durch die Dächer sah den Dampf ich wehn.
Da kam des Nachbars Weib mit hast’gem Grüßen;
Die fragt‘ ich zitternd: Habt Ihr Dick gesehn?
Sie sagte: Nein! doch drin im Dorfe wütet
Der schwarze Bill, und vor den Hütten stehn
Dragonerhaufen, denen er gebietet.
Mit Schwert und Feuer will er zücht’gen jeden,
Der nicht alsbald den Zehnten ihm vergütet. –
Ich kehrte heim, entsetzt ob solchem Reden;
Ich selber ja noch schuldete dem Harten.
Denn ich bin arm! – Mißwachs und Hagelschäden –
Mein Gatte tot – wohl müht‘ in Feld und Garten
Mein Dick sich ab! O Gott, er war so gut,
Und seine Freude war es, mein zu warten!
Doch wollte sich nicht mehren unser Gut;
Und dünn und dürftig fielen unsre Garben;
Der Mann im Chorrock drückt‘ uns bis aufs Blut;
Um ihn zu sätt’gen, mußten wir oft darben.
Ich war ihm schuldig grade jetzt fünf Pfund
Und achtzehn Schillinge; – vor Christtag starben
Zwei Kühe mir: dies des Verzuges Grund. –
Ich kam ins Dorf: da hielten die Soldaten,
Da, Zehnten fordernd, ritt der Mann, des Mund –
Nicht uns! – das Wort lehrt! – Der und solche Taten!
Zertrümmert war die Pforte meiner Hütte;
Ich war betäubt und wußte nicht zu raten.
Doch trat ich näher mit verzagtem Schritte,
Und sprach fußfällig ihn um Nachsicht an.
Er aber wies mich ab und schwur, er ritte
Nur mit dem Zehnten aus des Dorfes Bann;
Er – doch mein Sohn? – es fällt mir schwer aufs Herz!
Was redet er nicht mit dem harten Mann?
Mein Dick! – die Nachbarn deuten scheunenwärts,
Wie ich den Namen meines Sohnes nenne.
Ich schreit‘ hinein – ihr habt von Mutterschmerz
Wohl reden hören? – Sehet, auf der Tenne
Kalt, leblos liegt er, eine Jünglingsleiche,
Vom Tod entstellt, doch kenn‘ ich ihn! Ich kenne
Mein eigen Blut! – o Gott! – Ich knie, ich streiche
Aus seiner Stirn das blonde schlichte Haar;
Ich nehm‘ die Hand, die blasse, marmorgleiche;
Die Arme steif, das braune Antlitz war
Bedeckt mit kaltem, kaltem Todesschweiße;
Der Mund halb offen, doch des Odems bar,
Und von den Augen sah ich nur das Weiße;
Vorn aus der Jacke quoll das dunkle Blut.
O Gott, mein Sohn, mein einz’ger Sohn! Ich reiße
Das Hemd ihm auf, Einhalt zu tun der Flut;
Die Kugel war ihm recht durchs Herz gegangen.
Beschützen wollend seiner Mutter Gut,
Hatt‘ auf des Priesters Wink er sie empfangen. –
Da lag er leblos auf den harten Steinen,
Und Totenblässe lag auf seinen Wangen.
Ich weinte nicht – o Gott, ich kann nicht weinen!
Ich sah ihn an und sah ihn an – fortwenden
Die glühnden Augen konnt‘ ich nicht von seinen
Erstarrten Zügen – mag ich mit den Händen
Sie auch bedecken, mag ich fest sie schließen,
Doch seh‘ ich ihn! – Und ließet ihr mich blenden,
Ich säh‘ ihn noch, wie er zu meinen Füßen
Im Blute lag! – Ich seh‘ ihn Tag und Nacht,
Doch Tränen, weh‘ mir! kann ich nicht vergießen.
Schlaf? – seit dem Tage hab‘ ich nur gewacht,
Und meine starren alten Augen glühn,
Zu springen drohnd; doch seine schloß ich sacht
Mit dieser Hand; die Krieger draußen schrien.
Also geschah’s, ich hab‘ euch nichts verhohlen!“ –
Ich bog mich schürend vor in den Kamin,
Und eine Träne zischte in die Kohlen.

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