Gedichte Leviathan

Du zertrennest das Meer durch deine Kraft und
zerbrichst die Köpfe der Drachen im Wasser.
Du zerschlägest die Köpfe der Walfische und gibst
sie zur Speise dem Volk in der Einöde.
Psalm 74

An einem Tag im frühen Herbst ging ich entlang den Meeresstrand,
Das Haupt entblößt, den Blick gesenkt, die Lieder Davids in der Hand.
Die See ging hoch, die Brandung schwoll, der frische Wind aus Osten pfiff,
Am Horizont nach Westen flog mit weißem Segelwerk ein Schiff.

Und als ich in dem Liederbuch des Königs über Israel,
Bald um mich schauend, blätternd bald, gekommen war bis an die Stell‘,
Die über diesem Lied ihr lest, da naheten dem öden Strand,
Die grauen Segel eingerefft, drei Fischerboote, wohlbemannt.

Und hinter ihnen, aus der Flut, der weißen, tauchend schwärzlich-grau,
Schwamm riesengroß ein Ungetüm; sie schleppten es an einem Tau.
Die Brandung grollt, laut kracht der Mast, den Anker wirft der Harpunier –
Am Ufer auf dem Trocknen ruhn die Fischerboote samt dem Tier!

Und jetzt in Zügen auf den Ruf der Gatten und der Brüder naht
Der Öde Volk, das jubelnde, aus seinen Hütten am Gestad‘.
Sie sehn den Sohn des Ozeans, den Leib vom Eisen aufgeschlitzt;
Zerschmettert sehen sie das Haupt, das fortan keine Strahlen spritzt.

Vor wenig Jahren erst gebar den Triefenden der kalte Pol;
Ein Neuling noch, verirrt‘ er sich zu dieser seichten Küste wohl,
Untief‘ und Bank versperrten ihm den Rückweg in das hohe Meer;
Des jungen Riesen Kopf zerbrach der Herr durch eines Fischers Speer. –

Und jene tanzten jauchzend um den Blutenden; mir aber war,
Als glotzt‘ er halbgeschloßnen Augs verächtlich auf die rohe Schar.
Mir war, als rauschte zürnend mir sein purpurrot verrieselnd Blut;
Als murrt‘ er röchelnd in den Sturm: „O miserable Menschenbrut!

O Zwerge, die den Riesen ihr bezwungen habt durch schnöde List!
O Zappler auf dem Trocknen ihr, die mein Gebiet ihr meiden müßt!
Schwächlinge, die das Meer ihr nur in hohlem Boot befahren könnt,
Dem jämmerlichen Schaltier gleich, das nie sich von der Muschel trennt!

O kahler Strand, o nüchterner! o kahl und nüchtern Treiben drauf!
O nüchtern Volk, wie bebten sie, da sie vernahmen mein Geschnauf‘!
Wie trostlos auf der Dün‘ ihr Dorf mit seinen dumpfen Hütten steht!
Und – bist du besser denn als sie, der du mich sterben siehst, Poet?

Ich wollt‘, ich wäre, wo das Meer und wo die Welt ein Ende nimmt!
Wo krachend in der Finsternis der Eispalast des Winters schwimmt.
Ich wollt‘, ein Schwertfisch wetzte dort am Eis sein Schwert und stieße mir
Das jäh gezuckte durch die Brust; so stürb‘ ich wenigstens nicht hier!“

Es war ein Tag im frühen Herbst; die See ging hoch, der Ostwind pfiff,
Am Horizont nach Westen flog mit weißem Segelwerk ein Schiff.
Ich aber wandte meinen Schritt; ich warf mich nieder auf die Dün‘.
Der Herr zerbrach des Walfischs Haupt und gab dem Volk der Öde ihn.


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