Gedichte Einem Ursprünglichen

Jener Wilde erhob den Brief zum Ohre und lauschte,
Ob er nicht spräche, er war kürzlich in Briefen verklagt,
Und er dachte sich nun die Blätter mit Zungen versehen;
Welch ein poetischer Kopf nach dem modernsten Begriff!
Freund, erkenne dich selbst in diesem Wilden! Du gleichst ihm,
Da du der Einsamkeit „Augen“ und „Haare“ verleihst
Ja, du mußt ihm noch weichen, denn deine erhitzte Phantastik
Ist nur betrunk’ner Verstand, er jedoch taumelt von selbst;
Und du rechnest nicht minder, nur schlechter, weil dir die Tafel
Mit den Ziffern zerbricht, eh‘ du die Summe noch zogst!
Anzuschauen ist freilich in Kunst und Leben das Höchste,
Aber man schaut noch nicht an, weil man nicht denkt und nicht sieht:
Jenseits der Linie erst begiebt sich dies letzte der Wunder,
Diesseits sucht es der Thor, dem es mit Beidem nicht glückt.
Wenn du’s bezweifelst, so kröne den Säugling als ersten Poeten,
Denn er sprudelt wohl noch Aergeres aus, als du selbst,
Aber man hat doch die Freude, die Sprache entstehen zu sehen,
Wenn er im Kampf um das Wort Nächstes und Fernstes verknüpft,
Während ein hohler Gesell uns zeigt durch seine Bombastik,
Daß sie im leeren Gehirn völlig verglüht und verdampft.
Welche Verblendung! Du bringst es, verstrickt in die dürftigsten Bilder,
Wie sie zu Tausenden einst jegliche Sprache verschlang,
Nicht einmal zum Gedanken, du spielst nur mit Hülsen und Schaalen,
Und du träumst, die Natur nackt, wie die Götter, zu schau’n;
Du enträthselst nicht einmal die Hieroglyphen, du siehst nur
Schlangen und Vögel, und glaubst, dicht vor der Isis zu steh’n!

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (1 votes, average: 5,00 out of 5)

Gedichte Einem Ursprünglichen - Hebbel