Gedichte B. Phantasus

Erstes Heft

Nacht. // Der Ahorn vor meinem Fenster rauscht, / von seinen Blättern funkelt der Thau ins Gras, / und mein Herz / schlägt. // Nacht. // Ein Hund.. bellt, … ein Zweig… knickt, – still! // Still!! // Du? … Du? / Ah, deine Hand! Wie kalt, wie kalt! / Und… deine Augen… gebrochen! // Gebrochen!! // Nein! Nein! Du darfst es nicht sehn, / dass die Lippen mir zucken, / und auch die Thränen nicht, die ich kindisch um dich vergiesse – // Du armes Weib! // Also nachts, / nachts nur noch wagst du dich, / schüchtern, / aus deinem Sarg? / Um dich auf Zehen zu mir zu schleichen? // Armes Weib!

Verblüht / die Kränze, die du gewunden, / verweht / die Lieder, die du gesungen, / und in deinen Haaren, in deinen schönen Haaren, / klebt nun die / Erde. // Tot, tot, tot… // Und deine Flügel, deine armen Flügel! / Unbarmherzig heruntergeschnitten / von den schimmernden Schultern – ah, weine nicht! / Weine nicht! / Hier! Hier! Zu mir sollst du dich setzen, / nächtlich, allnächtlich. / bis der Morgen / graut, / bis die Sonne / scheint, / und die Welt, / die kluge Welt, wieder gleichgültig über dein Grab rollt // Horch! // Der Ahorn vor meinem Fenster rauscht, / der Thau tropft, / und mein Herz / schlägt. // Nacht, Nacht, Nacht…

Durch die Friedrichstrasse / – die Laternen brennen nur noch halb, / der trübe Wintermorgen dämmert schon – / bummle ich nach Hause. // In mir, langsam, steigt ein Bild auf. // Ein grüner Wiesenplan, / ein lachender Frühlingshimmel, / ein weisses Schloss mit weissen Nymphen. // Davor ein riesiger Kastanienbaum, / der seine roten Blütenkerzen / in einem stillen Wasser spiegelt!

Ich liege noch im Bett und habe eben Kaffee getrunken. / Das Feuer im Ofen knattert schon, / durchs Fenster, / das ganze Stübchen füllend, / Schneelicht. // Ich lese. // Huysmans. Là Bas. // … Alors, / en sa blanche splendeur, / l’âme du Moyen Age rayonna dans cette salle… // Plötzlich, / irgendwo tiefer im Hause, / ein Kanarienvogel. // Die schönsten Läufe! // Ich lasse das Buch sinken. // Die Augen schliessen sich mir, / ich liege wieder da, den Kopf in die Kissen – –

Zwischen Gräben und grauen Hecken, / den Rockkragen hoch, die Hände in den Taschen, / schlendre ich durch den frühen Märzmorgen. // Falbes Gras, blinkende Lachen und schwarzes Brachland / so weit ich sehn kann. // Dazwischen, / mitten in den weissen Horizont hinein, / wie erstarrt, / eine Weidenreihe. // Ich bleibe stehn. // Nirgends ein Laut. Noch nirgends Leben. / Nur die Luft und die Landschaft. // Und sonnenlos, wie den Himmel, fühl ich mein Herz! // Plötzlich ein Klang, // Ich starre in die Wolken. // Ueber mir, / jubelnd, / durch immer heller werdendes Licht, / die erste Lerche!

Mitten auf dem Platz, / wo die Kinder lärmen, / bleib ich stehn. // Jungens, / die sich um eine Murmel zanken, / ein kleines Mädchen, das Reifen spielt… // Herr Gott, Frühling! // Und nichts, nichts hab ich gesehn! // Aus allen Büschen / brechen ja schon die Knospen!

Fern liegt ein Land! // In dunklen Nächten / rauschten schwermütig seine Eichen. / Weiche Flocken deckten mein Grab. // Jetzt blühn die Primeln, / die Drossel singt, / und über grüne Wiesen, um den blauen See / treibt der Schäfer seine Schafe. // Weisse Wölkchen gleiten. // Du süsse Welt! / Auf deinen glänzendsten Stern / hast du ein Herz, das dich liebt, gerettet!

Schönes, grünes, weiches Gras. / Drin liege ich. / Mitten zwischen Butterblumen! // Ueber mir, / warm, / der Himmel: / ein weites, zitterndes Weiss, / das mir die Augen langsam, ganz langsam / schliesst. // Wehende Luft, … ein zartes Summen. // Nun bin ich fern / von jeder Welt, / ein sanftes Roth erfüllt mich ganz, / und deutlich spür ich, / wie die Sonne mir durchs Blut rinnt – / minutenlang. // Versunken Alles. Nur noch ich. // Selig.

Aus weissen Wolken / baut sich ein Schloss. // Spiegelnde Seen, selige Wiesen, / singende Brunnen aus tiefstem Smaragd! // In seinen schimmernden Hallen / wohnen / die alten Götter. // Noch immer, / abends, / wenn die Sonne purpurn sinkt, / glühn seine Gärten, / vor ihren Wundern bebt mein Herz / und lange… steh ich. // Sehnsüchtig! // Dann naht die Nacht, / die Luft verlischt, / wie zitterndes Silber blinkt das Meer, / und über die ganze Welt hin / weht ein Duft / wie von Rosen.

In einem Garten / unter dunklen Bäumen / erwarten wir die Frühlingsnacht. // Noch glänzt kein Stern. / Aus einem Fenster, / schwellend, / die Töne einer Geige… // Der Goldregen blinkt, / der Flieder duftet, / in unsern Herzen geht der Mond auf!

Ich bin der reichste Mann der Welt! // Meine silbernen Yachten / schwimmen auf allen Meeren. // Goldne Villen glitzern durch meine Wälder in Japan, / in himmelhohen Alpenseeen spiegeln sich meine Schlösser, / auf tausend Inseln hängen meine purpurnen Gärten. // Ich beachte sie kaum. // An ihren aus Bronze gewundenen Schlangengittern / geh ich vorbei, / über meine Diamantgruben / lass ich die Lämmer grasen. // Die Sonne scheint, / ein Vogel singt, / ich bücke mich / und pflücke eine kleine Wiesenblume. // Und plötzlich weiss ich: ich bin der ärmste Bettler! // Ein Nichts ist meine ganze Herrlichkeit / vor diesem Thautropfen, / der in der Sonne funkelt.

Vor meinem Fenster / singt ein Vogel. // Still hör ich zu; mein Herz vergeht. // Er singt, / was ich als Kind besass / und dann – vergessen.

Fern auf der Insel Nurapu / blüht der Baum Bo. / In seinen Wurzeln singt die See, / durch seine Zweige ziehn die Sterne. // Auf einem langen Ast, mein Gott: die Hirtin und der – Schornsteinfeger? // Die niedlichen kleinen Schuhe, der goldne Hut, / die schwarze Leiter, der Hirtenstab… // Ihr habt also doch nicht zurückgefunden? // Ach Gott, ja: / wenn man aus Porzellan ist! // Das alte Stübchen mit dem Spiegeltischchen, / das verschnörkelte Spind aus Mahagoniholz, / der blaue, gemütliche Kachelofen! // Grossmutters Tulpen! // Das waren noch Zeiten! // Hier ruft keine Kukuksuhr, / hier duftet kein Lawendeltopf; / hier braust die See, / hier fliehn die Sterne. // Und ich sitze und weine bitterlich!

Vergeben? Ich? Dir? / Längst. / Ich thats, noch eh ichs wusste. // Aber vergessen? Vergessen? … Ach, wenn ichs könnte! // Oft, / mitten im hellsten Sonnenschein, / wenn ich fröhlich bin und „an nichts denke“, / plötzlich, / da, / grau hockt es vor mir, / … wie eine Kröte! // Und Alles, Alles scheint mir wieder schaal. Schaal und trostlos. / Das ganze Leben. // Und ich bin traurig. Traurig über dich… und mich.

Ueber die Welt hin ziehen die Wolken. / Grün durch die Wälder / fliesst ihr Licht. // Herz, vergiss! // In stiller Sonne / webt linderndster Zauber, / unter wehenden Blumen blüht tausend Trost. // Vergiss! Vergiss! // Aus fernem Grund pfeift, horch, ein Vogel… / Er singt sein Lied. // Das Lied vom Glück! // Vom Glück.

Hinter blühenden Apfelbaumzweigen / steigt der Mond auf. // Zarte Ranken, / blasse Schatten / zackt sein Schimmer in den Kies. // Lautlos fliegt ein Falter. // Ich strecke mich selig ins silberne Gras / und liege da / das Herz im Himmel!

Rote Dächer! / Aus den Schornsteinen, hier und da, Rauch, / oben, hoch, in sonniger Luft, ab und zu, Tauben. / Es ist Nachmittag. / Aus Mohdrickers Garten her gackert eine Henne, / die ganze Stadt riecht nach Kaffee. // Ich bin ein kleiner, achtjähriger Junge / und liege, das Kinn in beide Fäuste, / platt auf dem Bauch / und kucke durch die Bodenluke. / Unter mir, steil, der Hof, / hinter mir, weggeworfen, ein Buch. / Franz Hoffmann. Die Sclavenjäger. // Wie still das ist! // Nur drüben in Knorrs Regenrinne / zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken, / ein Mann, der sägt, / und dazwischen, deutlich von der Kirche her, / in kurzen Pausen, regelmässig, hämmernd, / der Kupferschmied Thiel. // Wenn ich unten runtersehe, / sehe ich grade auf Mutters Blumenbrett: / ein Topf Goldlack, zwei Töpfe Levkoyen, eine Geranie / und mittendrin, zierlich in einem Cigarrenkistchen, / ein Hümpelchen Reseda. // Wie das riecht? Bis zu mir rauf! // Und die Farben! / Jetzt! Wie der Wind drüber weht! / Die wunder, wunderschönen Farben! // Ich schliesse die Augen. Ich sehe sie noch immer.

In einen brennenden Abendhimmel, / aus Staub und Dunkel, / steigt der Dom. // Die Glocken läuten. // Die kleinen Linden stehen schwarz, / vor ihren Thüren sitzen alte Leute. // Feierabend! // Die Gassen schweigen. // Die Gluth erlischt, / am Himmel / leise / ziehn die ewigen Sterne auf.

Zwischen Bergen im Sonnenschein / liegt am Fluss das Städtchen. // Hier oben von meinem Meilenstein seh ich über alle Dächer. // Kerzengrade steigt der Rauch. // Durch einen blühenden Hollunderbusch / unterscheide ich deutlich, / unter der alten Grünspankuppel, / die Thurmuhr. // Ein himmelblaues Zifferblatt mit weissen Zahlen. // Noch drei kleine Striche, / und die gesammte Bürgerschaft / setzt sich pünktlich zu Mittag. // Zwölf! // Es ist heute Sonnabend, es giebt also überall Eierkuchen. // Ich köpfe vergnügt eine Distel / und wandre weiter.

Im Thiergarten, auf einer Bank, sitz ich und rauche; / und freue mich über die schöne Vormittagssonne. // Vor mir, glitzernd, der Kanal: / den Himmel spiegelnd, beide Ufer leise schaukelnd. // Ueber die Brücke, langsam Schritt, reitet ein Leutnant. // Unter ihm, / zwischen den dunklen, schwimmenden Kastanienkronen, / pfropfenzieherartig ins Wasser gedreht, / – den Kragen siegellackrot – / sein Spiegelbild. // Ein Kukuk / ruft.

Lachend in die Siegesallee / schwenkt ein Mädchenpensionat. // Donnerwetter, sind die chic! // Wippende, grünblau schillernde Changeantschirme, / lange, buttergelbe schwedische Handschuhe, / sich bauschende, silbergraue, von roten Tulpen durchflammte Velvetblousen, // Drei junge Leutnants drehn ihre Schnurrbärte. // Monocles. // Die Kavalkade amüsiert sich. // Fünfzig braune, trappelnde Strandschuhe, / fünfundzwanzig klingelnde Bettelarmbänder. // Links, / hinter ihnen drein, / die Blicke kohlschwarz, / ihr Drache. // Wehe! // Wie die Sonne durch die Bäume goldne Kringel wirft… // Ach was! // Und ich kriege die Schönste, die sich nicht sträubt, um die Taille, / – die ganze Gesellschaft stiebt kreischend auseinander, / Huuch! die alte Anstandsglucke fällt in Ohnmacht – / und rufe: // Mädchen, entgürtet euch und tanzt nackt zwischen Schwertern!

Ich möchte alle Geheimnisse wissen! // Alle Sterne, über die Meere rollen, schöpf ich mit meiner Hand. // In meine Träume / drehn sich Welten, / und mich entzückt das kleinste Nest, / das im Sommer ein Schwalbenpaar / an meinem Giebel baut / . / Das leiseste Zwitschern draus / rührt an mein Herz!

In meinem glühendsten Tulpenbaum / tausend Blüten! // Eine süsse Stimme singt: // „Blaue Flügel aus Perlmutter, / als Hochzeitsbett ein Lilienblatt, / eine ganz kleine Prinzessin! // Keiner kennt mich. // Niemand weiss, / wo mein Haus steht. // Sieben Regenbogenbrücken / funkeln zu ihm durch meinen Garten. // Wenn in deine Seele die Sonne scheint, / besuch mich mal. // Hörst du?“ // Starr, / aus Schlangen gewunden, / steht der Baum. // Ein Windstoss rüttelt, / wie tanzende Flammen wehn seine Blüten.

Ich liege zwischen dunklen Spiegelwänden. //
Grüne, glimmende Seesterne, / Augen, die glotzen, / ein riesiger Rochen reisst sein Maul auf. // Ein Druck, und sie leuchten! // Durch einen roten Korallenwald segelt ein silberner Mondfisch! // Ich liege und rauche aus meiner Wasserpfeife.

See, See, sonnigste See, soweit du siehst! // Ueber die rollenden Wasser hin, jauchzend, tausend Tritonen. / Auf ihren Schultern, / muschelempor, / hoch, / ein Weib. / Ihre Nacktheit / in die Sonne. // Unter ihr, / triefend, / die blendenden Perlmutterwände immer wieder von Neuem hoch, / dick, feist, verliebt. / wie Kröten, / sieben alte, glamsrige Meertaper. // Die Gesichter! Das Gestöhn und das Gepruste! // Da, / plötzlich, / wütend aus der Tiefe, / Neptun. // Sein Bart / blitzt. // „Hallunken!“ // Und, plitschplatsch, sein Dreizack den sieben Schlappschwänzen um die Glatzen. // Die brüllen! // Dann, schnell, / hier noch ein paar Tatschen, dort noch ein Bauch – / weg sind sie. // Die Schöne / lächelt. // Neptun / verbeugt sich. // „Madam?“

In meinen grünen Steinwald / scheint der Mond. // In seinem Licht / sitzt ein blasses Weib und singt. // Von einem Sonnensee, / von blauen Blumen, / von einem Kind, das Mutter ruft. // Müde / fällt die Hand ihr übers Knie, / in ihrer stummen Harfe / glänzt der Mond.

Auf einem vergoldeten Blumenschiff / mit Ebenholzmasten und Purpursegeln / schwimmen wir ins offne Meer. // Hinter uns, / zwischen Wasserrosen, / schaukelt der Mond. // Tausend bunte Papierlaternen schillern an seidnen Fäden // In runden Schalen kreist der Wein. // Die Lauten klingen. // Aus fernem Süd / taucht blühend eine Insel… // Die Insel – der Vergessenheit!

Nachts um meinen Tempelhain / wachen siebzig Bronzekühe. // Tausend bunte Steinlampen flimmern. // Auf einem roten Thron aus Lack / sitz ich im Allerheiligsten. // Ueber mir, / durch das Gebälk aus Sandelholz, / im ausgestochnen Viereck. / stehn die Sterne. // Ich blinzle. // Wenn ich jetzt aufstünde, / zertrümmerten meine elfenbeinernen Schultern das Dach. / und der eirunde Diamant vor meiner Stirn / stiesse den Mond ein. // Die dicken Priester dürfen ruhig schnarchen. // Ich stehe nicht auf. // Ich sitze mit untergeschlagenen Beinen / und beschaue meinen Nabel. // Der ist ein blutender Rubin / in einem nackten Bauch aus Gold.

Mich schuf Korinth, ich sah das Meer. // Tausend Jahre / unter Schutt und Tempeltrümmern / lag ich in schwarzer Erde. // Zwischen roten Disteln im Abendschein weideten Ziegen, / über mein blühendes Grab bliesen Hirten. // Tausend Jahre war ich tot. // Heut scheint die Sonne, der Himmel lacht, ich lebe! // Im alten Park / steh ich nackt aus weissem Marmor. // Auf meine Schultern / durch gezacktes Laub / fallen zitternde Tupfen. // Meine Augen, / weit geöffnet, / starren auf ein grünes Wasser. // In breiten, überhängenden Kastanienblättern / spiegelt sich und zuckt / sein Licht.

In einem alten Park ein Schlösschen. // Ueber seinem bemoosten Dach glänzt ein Sommerhimmel. / sieben verwilderte Taxusalleen / treffen sich vor seiner Thür. // Ich halte die Hand vor und sehe in ein Fenster. // Nichts. // Dann, / blinkend, / ein Goldrahmen, / verschwimmende Farben, / jetzt, / deutlich: // Eine rosenüberstreute Tapete, / ein blauer Divan, / eine nackte Dame füttert einen Kakadu!

Musik. // Durchs Schilf glotzt der Behemot, / sieben nackte Erzengel decken mich mit ihren Schwertern. // Heilig, heilig, heilig ist der Herr! // Die Welt verfliesst, / mein silberner Wolkenbart durchflutet den Himmel. // Ich schnarche. // Eine schwimmende Walfischheerde um Spitzbergen, / ein wehendes Palmenbaumblatt auf Zanzibar, / eine Mücke in Surinam, die ihre Flügel putzt… // Nanu? // Ein kleines Mädchen fin de siècle / – schwarze Strümpfe, gelbes Seidenkorsett und lila Höschen. / hinten das blitzende Schniepelchen – / wupps, auf meinem Schooss! // Die Musik verstummt, / der Behemot grunzt, / ihre züngelnden Schlangenschwerter flammend wie Fackeln, / dräuen die Erzengel. // Diese Frechheit! // Das entzückende Balg kitzelt mich mit einer Pfauenfeder. // „Sie… Alterchen… Bonbon gefällig?“ // Emmy!!

In meinem schwarzen Taxuswald / singt ein Märchenvogel – / die ganze Nacht. // Blumen blinken. // Unter Sternen, die sich spiegeln, / treibt mein Boot. // Meine träumenden Hände / tauchen in schwimmende Wasserrosen. // Unten, / lautlos, die Tiefe. // Fern die Ufer! Das Lied…

Um mein erleuchtetes Schloss wehn Cypressen. // Ich höre sie nicht. Ich fühle sie. // Alle meine Lichter werden erlöschen, / der letzte Geigenton verklingt, / durchs Fenster / in meinem brechenden Blick / spiegelt sich der Mond.

Aus einem Kornfeld, / schräg zum See, / hob sich die Linde. // Auf schmalem Fussweg an ihr vorbei, / jeden Nachmittag durch die Juliglut zum Baden, / wir Jungens. // Der blaue Himmel, die tausend gelben Blüten, das Bienengesumm! // Und noch immer, / wenn die Andern längst unten waren, / – aus dem Wasser klang ihr Lachen und Geschrei – / stand ich. // Und sah den Himmel / und hörte die Bienen / und sog den Duft.

Unten im Dorf / hinter der Kirchhofsmauer / schläft der Müller // Die Mühle steht still. // Auf ihrem morschen Gebälk kriechen Marieenkäferchen, / über sie fliegt ein Kukuk hin. // … Kukuk… Kukuk… // Den steilen Weg durchs Korn her kommen Kinder, / lachen, schwatzen und stopfen Gras durch die Ritzen. // Eins kuckt durch. // … Kukuk… // Innen: / Sonnenstrahlen und Schmetterlinge!

Ich weiss. // Oft / wars nur ein Lachen, ein Handdruck von dir, / oder ein Härchen, ein blosses Härchen, / das dir der Wind ins Genick geweht. / und all mein Blut / gährte gleich auf, / und all mein Herz / schlug nach dir. // Dich haben, dich haben, / dich endlich mal haben, / ganz und nackt, ganz und nackt! // Und heut, / zum ersten Mal, / unten am See, glitzernd im Mittag, / sah ich dich so. // Ganz und nackt! Ganz und nackt! // Und mein Herz / stand still. // Vor Glück, vor Glück. // Und es war keine Welt mehr, / nichts, nichts, nichts, // es war nur noch Sonne, nur noch Sonne – // so schön warst du!

Dann losch das Licht, / und durch die Stille / nur noch dein Herzschlag… // Seligkeit! // Im Garten, frühauf, pfiff ein Vogel, / von tausend Gräsern troff der Thau, / der ganze Himmel stand in Rosen. // Lieber! Liebe! / Und wieder: Kuss auf Kuss… // Was kann die Welt uns jetzt noch bieten!

Ich trat in mein Zimmer. // Die Fenster standen weit auf, / draussen / schien die Sonne. // Wie wunderbar, / Rosen? / Ein ganzer Strauss! / Weisse, gelbe und dunkelrote… // Ah, wie das duftete! Wie das wohl that! // Und ich stellte das Glas wieder auf meinen Schreibtisch. // Dort steht es und schimmert nun, / und in Alles, was ich schreibe, fällt sein schöner Schein. // Du Liebe, du Gute!

Ein kleines Haus mit grüner Thür / und Herzen in den Fensterläden! // Abends, / unter den Silberpappeln, / sitzen wir mit unsern Jungens. // „Mutter, Mutter, der Mond is kaput!“ // Der Kleinste kuckt auch. // „Biela! / Bist du ein Maikäfer?“ // „Sa.“

Am andern Morgen ist der Biela krank. / Der arme Biela! / Er sitzt vergnügt im Bett und pappt Kuchen. // Sein Bruder / spielt. // „Du – Mutter? / Mein Bär is auch krank!“ // So? / Na was fehlt ihm denn? // „Na, den hat doch n Schmetterling gebissen?“

Ein mal noch, / bevor wir schlafen gehn, / zu unsern Jungens! // In beide Bettchen scheint der Mond. // Der Biela noch im Arm das Püppchen, / sein Bruder um den Hals die Perlenkette… // Leise, / auf Spitzzehen, / tasten wir in unser Zimmer.

Du gingst. // Die Blätter… fallen. // In blaue Dämmrung sinkt das Thal. // Ich starre in die steigenden Nebel… // Da, / einmal noch, aus der Ferne, / weht dein Tuch. // Grüsse! Grüsse! // Ich strecke sehnsüchtig die Arme… // Vorbei. // Aus den Silberpappeln schreien die Staare in den Sonnenuntergang.

Kein Laut! / Nur die Pappeln flüstern… // Der alte Tümpel vor mir schwarz wie Tinte, / um mich, über mir, von allen Seiten, / auf Fledermausflügeln, / die Nacht, / und nur drüben noch, / zwischen den beiden Weidenstümpfen, / die sich im Dunkeln wie Drachen dehnen, / matt, fahl, verröchelnd, / ein letzter Schwefelstreif. // Auf ihm, scharf, eine Silhouette: ein Faun, der die Flöte bläst. // Ich sehe deutlich seine Finger. / Sie sind alle zierlich gespreizt / und die beiden kleinsten sogar höchst kokett aufwärts gebogen. / Das graziöse Röhrchen quer in ihrer Mitte / schwebt fast wagerecht über der linken Schulter. / Auch die rechte sehe ich. / Nur den Kopf nicht. Der fehlt. Der ist runtergekullert. / Der liegt seit hundert Jahren schon / unten im Tümpel. // Plitsch! -? Ein Frosch. // Ich bin zusammengeschrocken. // Der Streif drüben erlischt, / ich fühle, wie das Wasser Kreise treibt, / und die uralte Steinbank, auf der ich sitze, / schauert mir plötzlich ihre Kälte bis ins Genick hinauf. // …? // Nein. Nichts. Nur die Pappeln.

Aus schwerem Schlaf / plötzlich erwacht, / – es ist noch Alles dunkel, ich liege da – / formt sich, in mir, langsam, eine Strophe. // Ueber den Sternen… // Ueber den Sternen… // Ueber den Sternen hängt eine Harfe. // Selig sitzt die Nacht und singt. / Singt, dass die zitternden Herzen klopfen! // Aus den Saiten Sonnen tropfen. // Ueber den Sternen hängt eine Harfe, / selig sitzt die Nacht und singt! // Die Augen zu, die Zähne zusammen, / dass ich nicht schluchze!

Draussen die Düne. // Einsam das Haus, / einkönig, / ans Fenster, / der Regen. // Hinter mir, / tictac, / eine Uhr, / meine Stirn / gegen die Scheibe. // Nichts. // Alles vorbei. // Grau der Himmel, / grau die See / und grau / das Herz.

Kleine, sonnenüberströmte Gärten / mit bunten Lauben, Kürbissen und Schnittlauch. // Noch blitzt der Thau. // Ueber den nahen Häuserhorizont ragen Thürme. // Durch das monotone Geräusch der Neubauten, / ab und zu, / pfeifen Fabriken, / schlagen Glocken an. // Auf einer Hopfenstange sitzt ein Spatz. // Ich stehe gegen einen alten Drahtzaun gelehnt / und sehe zu, wie über einem Asternbeet / zwei Kohlweisslinge taumeln.

Ich öffne ein kleines Gitter. // Die Märzgefallnen. // Ueber den Weg, durch welkes Laub, hüpfen Schwarzdrosseln, / um verwitternde Kreuze im Sonnenlicht spielen glitzernde Fäden. // In einer Ecke, / der Epheu blinkt, ich bücke mich – / auf einem Stein, liegen Rosen. // Dünne Ranken, graues Moos und Thautropfen. // Die alten Buchstaben sind kaum mehr zu lesen. // Mit Mühe nur entziffre ich: // „Ein… un… be… kann… ter… Mann.“

Ueberm Bett, eingerahmt, hängt der Myrthenkranz. / Vor Jahren / stand am Fenster mal die Nähmaschine; / ein Kanarienvogel sang. // Jetzt / ist das alles anders! // Abends, / wenn die rote Lampe brennt, / kommen fremde Herren in das Stübchen; / alte, junge, wies grad trifft. // Du lieber Gott – das Leben! // Nur manchmal, / wenn der Regen draussen auf die Dächer peitscht, / nachts, / kein Mensch ist mehr wach, / sitzt das Weib und weint… // Der tote Mann! Die armen Kinder!

Auf einem Stern mit silbernen Zacken / sitz ich und lach ich – ein kleines Kind. // Vögel und Blumen haben mich lieb, / blonde Engel spielen mit mir. // Unten grämt sich der Vater, / unten schluchzt die Mutter, / ich sitze und flechte mir einen Kranz aus Himmelsschlüsselchen. // Lieber Vater! Liebe Mutter! / Weint nicht! // Seht: // hier wachsen Blumen, / Lämmer springen, / und an jedem blanken Zacken / hängt ein Zuckerherz!

Ich bin ein Stern. Ich glänze. // Thränenbleich / hebst du zu mir dein Gesicht; / deine Hände / weinen. // „Tröste mich!“ // Ich glänze. // Alle meine Strahlen / zittern in dein Herz.

Eine schluchzende Sehnsucht mein Frühling, / ein heisses Ringen mein Sommer – / wie wird mein Herbst sein? // Ein spätes Garbengold? // Ein Nebelsee?

Zweites Heft

Sieben Billionen Jahre vor meiner Geburt / war ich eine Schwertlilie. // Meine Wurzeln / saugten sich / in einen Stern. // Auf seinem dunklen Wasser / schwamm / meine blaue Riesenblüte.

Da so in Hinterindien rum / muss ich schon mal irgendwie gelebt haben. // Ein kleiner Prozentsatz von mir / war mit Schuld daran, dass es mal Gotamo Buddho gab, / und noch heute, nachts, im Traum, / wenn ich ihn nicht mehr so recht kontrolliren kann, / trinkt er Palmwein aus Rhinozeroshörnern.

Drei Tage lang / fiel in den Fluss Fu ein Regen von Pfirsichblüten. // Aus ihren gelben Seidengewändern tauchten die Mädchen und sangen. // Sie wateten ins Wasser, spritzten, kreischten / und kitzelten die Schwäne. // Die Schönste, / lächelnd, / beide Arme unterm Kopf, / liess sich von der Strömung treiben. // Rot, / wie ein Flammenmantel, / floss um sie ihr Haar, / zwei kleine Tröpfchen perlten noch auf ihren Brüsten. // Leda lag nicht nackter. // Die bunten Wellen schaukelten sie an meine schwimmende Insel. // Oh! // Ein schwarzes Bocksgestell, ein Eselsbauch, ein altes, dickbehaartes Vieh mit Hörnern! // Ihre langen Wimpern schlossen sich, / um ihre weissen, zitternden Kniee drängten sich, wankten / Narzissen… // Sie schlug die Augen auf. Ich liess sie nicht. Sie bettelte: Nicht kitzeln, nein? // Süsser! // Zehn zarte, rosenrote Finger / krallten / verliebt in meinen Zottelpelz. // Au! Racker! Du beisst ja! Ist das der Dank? // Sie kicherte. // Mein Bett aus Moos missfiel ihr nicht, / mein langer Bocksbart imponirte ihr, / die Temperatur, auch nachts, ist bereits ganz vorzüglich, / sie gedenkt also noch einige Zeit bei mir zu bleiben.

Ueber den Gipfel des Fuyi-no-yama, / auf Feuerflügeln, / hebt sich Kijo Matija, der graue Drache. // Der Mond verblasst, / alle Sterne erblinden. // Ich packe meinen Bogen aus Ebenholz, / spanne den federnden Bambusbügel / und lege den silbernen Pfeil auf. // Ich ziele. // Mit der Nase / stürzt er in den Baikalsee, / sein linker Hinterzeh zerquetscht den Dhawalagiri. // Die Erde grünt, ihre Saaten schiessen, / alle Weiber gebären wieder!

Alle tausend Jahre / wachsen mir Flügel. // Alle tausend Jahre / saust mein purpurner Drachenleib. / durch die Finsterniss. // In entseelte Himmel / spei ich / Myriaden Sterne! // Am Bach, / unter Weiden, / sitz ich dann, flechte mein langes Goldhaar, singe / und freue mich, wie sie Oben glitzern.

Oben, im siebenten Sommerhimmel, angenehm nackt, / residirt heute der ganze Olymp. // In einem amethystblauen See, / nicht im Mindesten genirt, dass ich ihr hier von Unten zukucke, / badet Frau Venus. // Dort die Dicke, die dem Schwan winkt, ist Juno. // Um Gottes Willen! / Welche verfängliche Positur! Wenn Das der Herr Gemahl sieht! // Der dreht ihr den Rücken, / liegt behaglich wiederkäuend mitten auf einer Smaragdwiese / und lässt sich von liebenswürdigen Nymphen / Lorbeern, Weinlaub und gefüllte Veilchen / um die riesigen Hörner winden.

Unter weissen Sommerwolken – // Blumen und Gräser wiegen sich, ich bin so wunderbar müde. // Aus einer Welt, die unterging, ruft der Vogel Bülow, / in meinen Traum / flammt Mohn, wogt ein Kornfeld. // Durch riesige Korallenwälder / sinke ich immer tiefer. // Seesterne rollen in mir und alte Kronen. // Meine grünen Töchter, / Tang im Haar, / tanzen. // Ich bin die Flut, ich bin die Finsterniss. // Glocken! // Durch die hängenden Zweige eines Birkenwäldchens / glitzert ein Goldhimmel.

Die Sonne sank. / Ich wartete. Wie lange… // Unsichtbar, / wie ersticktes Weinen, / klang unter den Weiden der Fluss. // Durchs Dunkel, neben mir, taste ich nach den roten Blumen. // Sie sind welk. // Du hast mich vergessen!

Rote Rosen / winden sich um meine düstre Lanze. // Durch weisse Lilienwälder / schnaubt mein Hengst. // Aus grünen Seeen, / Schilf im Haar, / tauchen schlanke, schleierlose Jungfraun. // Ich reite wie aus Erz. // Immer, / dicht vor mir, / fliegt der Vogel Phönix / und singt.

Der Horizont ein Flammenring, / kein Segel! // Jammernd, / die weissen Hände / ringt / die schönste Frau. // Nur stürzende Wellenberge, / blinkende Delphine / und fern ein Meervolk, das auf Muschelhörnern bläst. // Die Sonne brennt, die Brandung unten zischt, / das Ungeheuer, / mit gestreckten Poten, / die sieben Zungen schlaff aus seinem Maul, / liegt auf dem Rücken uns schläft. // Einmal, / zweimal noch, / krümmt sich sein Schweif, / zuckt, / ringelt sich und rollt dann wieder langsam in die Klippen. // Tang und Quallen kriechen an ihm hoch.

Purpurne Citronenwälder / blühen um blaue Meere. // Mit seidnen Segeln / saust / mein Drachenschiff. // Fest, / in den grünen Gischt, / drückt meine Faust das Steuer; / keine Wimper zuckt. // Zu dir! Zu dir! // Unter meinem spiegelnden Goldpanzer, / aus dem die Sonne strahlt, / klopft / mein Herz.

Die Lampe brennt. // Von allen Wänden / schweigen um mich die dunklen Bücher. // Eine kleine Fliege, die noch munter ist, / verirrt sich in den gelben Lichtkreis. // Sie stutzt, duckt sich und tupft mit dem Rüssel auf das Wort // Inferno.

Horche nicht hinter die Dinge. Zergrüble dich nicht. Suche nicht nach dir selbst. // Du bist nicht! // Du bist der blaue, verschwebende Rauch, der sich aus deiner Cigarre ringelt, / der Tropfen, der eben aufs Fensterblech fiel, / das leise, knisternde Lied, das durch die Stille deine Lampe singt.

Um eine rote, glühende Eisensäule bis in den Himmel, / mit spitzen Glasscherben und Scheermessern gespickt, / werde ich an unsichtbaren Ketten langsam rauf und runter gedreht. // Langsam, ruckweis und gründlich. // Ich stöhne, ächze, gurgle, brülle: Hosianna! // In sieben mal siebzig Ewigkeiten, / wenn die Scherben zermürbt sind und die Messer nicht mehr können, / wird die Säule schwarz stehn; / unten, / in dem runden, stinkenden Tümpel um sie, / wird mein Hirn, meine Leber, mein Blut, der ganze Matsch geronnen liegen, / und ich, / „geläutert“; / eine verklärte, selig gewordne Liebigbüchse, / werde schluchzend / mit meinem letzten, übrig gebliebenen Knöchelchen / an die Pforte des Paradieses klopfen!

Herr, mein Herr, Du bist sehr herrlich! // Alle Götter der Welt sind Götzen. // Nur Du nicht! // Meine Lippen preisen Dich. // Du bist gnädig und gerecht, Du bist barmherzig! // Ich fürchte mich nicht vor Dir, dass mir die Haut schaudert, / und entsetze mich nicht vor Deinen Rechten. // Deine Gedanken sind so sehr tief! // Du drehst die Kurbel, / die mich um diese Säule quetscht, / Du hast ihre Scherben, Du hast ihre Rasirmesser gewetzt, / Du bist so allgütig… // Sieh! // Auf Flügeln, / die wie Silber und Gold schimmern, / in weissen Gewändern, / Rosen im Haar, / schweben / um dieses glühende, zuckende Fleisch / all Deine Engel. // Singend, jubelnd, / in Millionen Schaalen, / sammeln sie meine Freudentränen! // Halleluja!!

Gottseidank! // Die Hausthür ist zu, mich kann Niemand mehr besuchen. // Ich öffne ein Päckchen „Blaubienenkorb“ / und stopfe die lange Pfeife. // Es regnet so schön. // In den Schlafrock gewickelt, / die Tapete entlang, / fährt sichs jetzt prächtig nach alten Ländern. // Alles versinkt! // Aus einem stillen, himmlisch blauen Wiesenwässerchen / mit bunten, gespiegelten Blumen und Wolken / lande ich in ein Städtchen. // Die dünnen Gräserchen über die bröckelnde Rundmauer blinken noch, / jedes sich drehende Wetterfähnchen / erzählt mir eine Geschichte.

In unsrer alten Apotheke / mit den vielen Treppen und Dachböden / waren lauter Schornsteine. // Unter den einen konnte man sich mitten drunter stellen / und sah dann am helllichten Tage die Sterne. // Manchmal war Alles dunkel. // Dann sah man garnichts und fühlte nur, wie einem die dicken, schweren Regentropfen / eiskalt auf die Backen platschten. // Aber das Schönste war doch, wenn man kurz vor Weihnachten, / frühmorgens, / wenn das ganze Haus nach Marzipanherzen roch, / grad unter dem kleinen, viereckigen Kuckloch oben, / auf der Erde einen weissen, spitzen Schneehaufen entdeckte. // Der glitzerte dann wie die Konditormütze!

Ich liege auf dem alten Kräuterboden und „simmiliere“. // Der liebe Gott ist der Konditor Knorr. / Er hat eine weisse Mütze / und in seinem Fenster stehn lauter Likörflaschen. / Wenn die Sonne scheint, kann man mitten durch sie durchsehn. / Dann sind die Kuchen dahinter manchmal gelb, manchmal rot und manchmal sogar blau. // Der Teufel ist der Schornsteinfeger Killkant. / Er hat einen Cylinderhut und keine Strümpfe. Seine Füsse sind zum Schämen. / Wenn der am lieben Gott seine Likörflaschen vorbeigeht, / verdrehn sich seine Augen. // Sie sehn dann weiss aus! // Wenn man tot ist, / wird man in die Erde gebuddelt und kriegt einen Kranz auf den Bauch. // Ja. / Und wenn dann bald wieder Weihnachten ist, / backt die Mutter Judenkringel. // Ach, Judenkringel! // Die kann man immerzu essen. Die sind das Schönste, was es giebt.

Der Mond / sieht den Dächern in die Schornsteine. // Der Ahorn / hinter der alten Sakristei / leuchtet. // Das ganze Städtchen liegt wie versilbert!

Du liest, dass der Herzog von Devonshire jährlich 100,000 Pfund verbraucht, / und beneidest ihn um seine Jaspispaläste. // Narr! // Bekuck dir den braunen, grüngesprenkelten Kattunpuckel deiner alten Zeitungsfrau, / horch, was über deinem Fenster die Schwalbe mit ihren Jungen zwitschert, / freue dich, wie die wilde Distel, die du nach Hause trugst, nach Honig duftet, / sauge in dich die Sonne! // Jede Sekunde, die du lebst, vergeudet über dich Schätze.

Auf einem Schreibtisch, / neben einem grünverhangenen Fenster, durch das die Sonne scheint, / zwischen zwei Büsten aus Bisquitporzellan, rechts „die Kunst“, links „die Wissenschaft“, / liegen in einem marmorirten Pappdeckel, den ich selbst geklebt habe, / meine ersten Gedichte. // Vor ihnen, / in seinem Lutherstuhl, / im rotplüschnen Schlafrock, unrasiert, die Finger in seiner riesigen Fliege, / mein lieber, alter, väterlicher Freund, Herr Fiebig. // „Klinginsherz!“ // Mein erstes Werk – mein erster Kritiker. // Ich sitze da. // Ueber der kleinen Schreibzeugvenus aus Cuivre poli / die drei Alabastergrazien als Briefbeschwerer, / dahinter in goldbedruckten Prachtbänden, deren Titel mich immer so anziehn, / „Die Wunder der Zeugung“, „Liebe und Ehe“, „Der Mensch und sein Geschlecht“, / und drüben – zwischen den beiden Schweizerlandschaften – nahezu lebensgross, / die badende Oeldrucknymphe: / eine blendende Brust, ein sinkendes Tuch, ein errötendes Lächeln, / Schenkel, wie aus einem Schlächterladen! // Meine bedrängten Augen irren angstvoll weiter. // Was wird er sagen? // Sein Daumen, nass gemacht, dreht schon die letzte Seite! // Ein leeres Papageienbauer, ein Bücherspind, Ariadne auf Naxos, / in einem ovalen Alfenidschälchen, gleich obenauf, die Visitenkarte des Hausherrn: / „Redakteur des Herzblättchen, Zeitschrift für Neuvermählte!“ // Weiter! Oben die Decke! Auch dort! // Zwischen Veilchen, Rosen und Vergissmeinnicht, / auf einem Tintfass, / ein dicker, fleischfarbner Amor, / der, umspielt von Schmetterlingen, mit einer Pfauenfeder in ein Buch schreibt: / „Ohne Liebe gleicht das Leben einer Rose ohne Duft!“ // Und ich fühls: / ich bin über und über rot geworden!

Dicke, gelbe Butterblumen! // Der Rasen blinkt, die Götter glänzen. // Eine nackte Venus untersucht ihr Knie, ein steinerner Hercules schlägt die Leyer. // Die Wasser stürzen, die Wolken eilen, / die Welt voll Sonne. // Frühling! // In meinem Herzen / träumt das Bild eines kleinen Mädchens / mit geöffneten Lippen und lachenden Augen.

So eine kleine Fin-de-Siècle-Krabbe, die Lawn tennis schlägt! // Rote, gewellte Madonnenscheitel, / eine lichtblaue Blouse aus Merveilleux / und im flohfarbnen Gürtel ein Veilchensträuschen, / das nach amerikanischen Cigaretten duftet. // Um ihren linken Seidenknöchel, / wenn sie die weissen Bälle pariert, / klirrt ein Goldkettchen. // Abends ist Feuerwerk. // Man drängelt sich mit ihr in eine möglichst dustre Ecke, / lässt sie sich schmachtend an seinen Busen lehnen / und sieht zu, wie die Sterne zerplatzen. // Ah! // Ein Fünfminutenkuss und gar kein Fischbein.

Ich zeige dir den Mond durch einen Frühlingsbaum. // Jede Blüte, jedes Blättchen / hebt sich aus seinem Glanz. // Jede Blüte, jedes Blättchen / schimmert. // Beide Arme / schlingst du mir um den Hals!

Das kleine Jöhr in mir, / das nach jedem Sonnenstrahl greift und nach jedem Schmetterling, / das Vergissmeinnichtaugen hat und das mir vor meinem Tode hoffentlich nicht sterben wird, / entzückt sich noch immer über Ludwig Richter. // Der Grosspapa liebt Walter Scott. // Mein Schläfchen, / sonntags, / wenn es zu Mittag Nelson – Cotteletts. / Karpfen in Bier, oder vielleicht gar eine Gans gegeben, / erledige ich auf einem blauen, grüngestreiften Biedermannssopha, / über dem an einer gelben Urvätertapete ein Stich von Chodowiecki hängt; / und auf meinem Vertiko, / zwischen zwei Sträussen aus Zittergras, / paradiert eine blanke mit bunten Blumen bemalte Porzellankuh, / die, während ich schnarche, gemolken wird. // Indessen! // Das hindert mich Alles nicht. // Abends, / auf der Redoute, / mitten unter dem mittelsten Kronleuchter, / bin ich durchaus Europäer. // Eine wandelnde, höchst appetitliche Reklame für einen Wurstladen / hat ausser ihren Brillantohringen wirklich auch noch Tricots an. // Ich hebe mit gespreizten Fingern meinen Handschuh, / bugsiere ihn ihr geschickt bis auf fünf Millimeter vor das schwarze, glänzende Taffetnäschen / lächle / und lasse ihn dann fallen. // Er bleibt sofort stecken. // „Na, kleener Sectproppen, Kostenpunkt?“

Auf seiner lustigen Hallelujawiese / duldet mein fröhliches Herz keine Schatten. // Rote, lachende Rubensheilige / tanzen mit nackten Wiener Wäschermadeln Cancan. // Unter fast brechenden Leberwurstbäumen / küsst Corregio die Jo. // Niemand geniert sich. // Goethe, der Hundsfott, langt sich quer über den Schooss die dicke Vulpius. // Kleine, geflügelte Lümmels rufen Prost, / Jobst Sackmann, mein Liebling, setzt n lüttn Kümmel Aquavit drup!

Er kann kein Vogelgezwitscher vertragen. // Die sogenannten Naturlaute der Nachtigallen und Lerchen / sind ihm zuwider. // Sein Hirn / ist vollständig mit Watte tapeziert. // In der Mitte / kauert eine kleine Rokokovenus / und piet aus Silber / in einen goldnen Nachttopf.

Im Hause, wo die bunten Ampeln brennen, / glänzen auf demselben Bücherspind, / über George Ohnet, Stinde und Dante, / Schiller und Goethe: / beide beteiligt an ein und demselben Gypskranz! // Im Hause, wo die bunten Ampeln brennen, / hängt an derselben Wedgwoodtapete, über demselben Rokokoschirm, / zwischen Klinger und Hokusai, / Anton von Werner. // Im Hause, wo die bunten Ampeln brennen, / spielen dieselben schlanken Hände, auf demselben Ebenholzflügel, / mit demselben Charm und Chic / Frédéric François Chopin und Ludolf Waldmann. // Im Hause, wo die bunten Ampeln brennen, / auf vergoldeten Stühlchen sitzend, / trinkt man Chablis, Pilsner und Sect, / kommt dann peu-à-peu auf Nietzsche, / zuletzt wird getanzt. // Ich küsse entzückt der Hausfrau die Hand, / enttäusche einen älteren, glattrasirten Herrn / mit baumwollnen Handschuhen und Wadenstrümpfen / durch eine Mark Trinkgeld / und verschwinde.

Durch einen schwarzen, schwehlenden Schneckengang / stinken Pechfackeln. // Grüne, johlende Meerkater / mit Eisenklauen und geringelten Schwänzen / schieben, schleppen, zerren, beissen mich / vor die boshaften Greise. // Die hocken, Strohkronen auf ihren Schädeln, und blinzeln. // Ihre langen Geierhälse recken sich, / aus ihren Froschmäulern quillt Geifer. // Du hast Unsre Tropfsteinstühle bespien! Du hast über Unsre Gesässschwielen gelacht! / Du hast Unsre Excremente nicht verehrt! // Schon hebt der Henker, eine Mandril, seinen riesigen Plättbolzen. // Der glüht! // Die Bestien brüllen, das Eisen zischt, / rotes, berstendes Blutlicht zersprengt die Höhle. // Pestkanaillen!! // Ich strample, stosse, schäume, schreie, schlage wütend um mich. // Stürzen die Sterne zusammen, / bricht die Welt ein? // Auf meinem Bettvorleger, / in kleinen Tümpeln, / zwischen den blauen, blitzenden Scherben meiner Karaffe, / glitzert die Morgensonne.

In den Grunewald, / seit fünf Uhr früh, / spie Berlin seine Extrazüge. // Ueber die Brücke von Halensee, / über Spandau, Schmargendorf, über den Pichelsberg, / von allen Seiten, / zwischen trommelnden Turnerzügen, zwischen Kremsern mit Musik, / entlang die schimmernde Havel, / kilometerten sich die Chausseeflöhe. // „Pankow, Pankow, Pankow, Kille, Kille“ „Rixdorfer“ „Schunkelwalzer“ „Holzauktion“ // Jetzt ist es Nacht. // Noch immer / aus der Hundequäle / quietscht und empört sich der Leierkasten. // Hinter den Bahndamm, zwischen die dunklen Kuscheln, / verschwindet / eine brennende Cigarre, ein Pfingstkleid. // Luna: lächelt. // Zwischen weggeworfnem Stullenpapier und Eierschalen / suchen sie die blaue Blume!

In graues Grün / verdämmern Riesenstämme // Von greisen Aesten / hängt / in langen Bärten Moos. // Irgendwo.. hämmernd.. ein Specht. // Kommt der Wolf? Wächst das Wunschkraut hier? // Wird auf ihrem weissen Zelter, / lächelnd, / auf mein klopfendes Herz zu, / die Prinzessin reiten? // Nichts. // Wie schwarze Urweltkröten, / regungslos, / hockt am Weg der Wachholder. // Zwischendurch / giftrot / leuchten Fliegenpilze.

Drei kleine Strassen / mit Häuserchen wie aus einer Spielzeugschachtel / münden auf den stillen Marktplatz. // Der alte Brunnen vor dem Kirchlein rauscht, / die Linden duften. // Das ist das ganze Städtchen. // Aber draussen, / wo aus einem blauen, tiefen Himmel Lerchen singen, / blinkt der See und wogen Kornfelder. // Mir ist Alles wie ein Traum. // Soll ich bleiben? Soll ich weiterziehn? // Der Brunnen rauscht… die Linden duften.

Hinter hohen Mauern / hinter mir / liegt ein Paradies. // Grüne, glitzernde Stachelbeersträucher, / eine Strohbude / und Bäume mit Glaskirschen. // Niemand weiss von ihm. // An einem Halm / klettert ein Marienkäferchen, / plumps, und fällt in goldgelbe Butterblumen. // Hilfreich neigen sich Tausendschönchen, / Stiefmütterchen machen ein böses Gesicht. // Verschollen / glänzen die Beete!

Das alte Nest! Die alten Dächer! // Aus dunklen Linden dort / der Turm! // Wie klangen Sonntags seine Glocken, / draussen, fern, wo der Kukuk rief… // Da wars so still. // Wir pflückten Blumen, / sangen / und horchten, wie’s im Bach kluckerte. // Zwanzig Jahre drüberhin! // Noch einmal jung sein! Mit neuen Augen in die Welt sehn! / Ach, wer das könnte!

Noch immer, / durch den brütenden Sommer, / singen die Lerchen. // Meine blinkende Sichel / zischt durchs Korn. // Im roten Kopftuch / hinter mir / müht sich mein Weib und sammelt die Aehren. // Mit nackten Beinchen / und kleinen, braunen Fäusten, die Blumen halten, / liegt, lacht und strampelt / unser Glück.

Grossmutter im Lehnstuhl ist eingeschlafen. // Vom Fenster, / durch die weissen Zwirngardinen, / leuchten die Hyazintentüten. // Im Tarlatankleidchen, am alten Klavier, / sitzt noch immer artig das kleine Linchen und spielt. // Eine Musik aus Sonnenstäubchen!

Aus grauem Himmel / sticht die Sonne. // Jagende Wolken, blendendes Blau! // Ins grüne Gras greift der Wind, die Silberweiden sträuben sich. // Plötzlich – still. // Auf einem jungen Erlenbaum / wiegen sich blinkende Tropfen!

Ueber Tannen und blassen Birken ballt der Abend rote Wolken. // Jetzt ist mein Herz dieser See. // Noch ein Mal, blitzend, streift ihn ein Flügel. // Leise, / dunkel schläft er ein.

Purpurne Fische / schwimmen durch mein dunkles Wasser, / weisse Lotosblumen / blühn. // Immer neue Tempelkränze / bauten um mich die frommen Völker. // Millionen Lippen dürsten nach mir. // Langsam, / jedes Jahrhundert einen Tropfen hoch, / schwillt / meine Flut. // Ueber bunte Porphyrtreppen spül ich um grüne Säulen. // Tausend Kuppeln / glitzern aus meinem Grund!

Sieben Septillionen Jahre / zählte ich die Meilensteine am Rande der Milchstrasse. // Sie endeten nicht. // Myriaden Aeonen / versank ich in die Wunder eines einzigen Thautröpfchens. // Es erschlossen sich immer neue. // Mein Herz erzitterte! // Selig ins Moos / streckte ich mich und wurde Erde. // Jetzt ranken Brombeeren / über mir, / auf einem sich wiegenden Schlehdornzweig / zwitschert ein Rotkehlchen. // Aus meiner Brust / springt fröhlich ein Quell, / aus meinem Schädel / wachsen Blumen.

Hinter den Brettern, die die Welt vernageln, / sitzt ein Frosch mit goldnen Augen. // Schade! // Wenn ich jetzt drüben sässe, / wäre ich ein Königssohn. // Gärten aus blühenden Rosenlauben / funkelten, / Springbrunnen plätscherten, / in ihren weissen Armen wiegte mich eine Prinzessin… // Da, kuck, ein Astloch. // Ich blinzle durch. // Eine grüne Wiese mit Klapperkraut, / Gänse, / Schnips, der Hund, / und dazu, stubsnäsig, Trine, / die, den Rock schon vorn zu kurz – Lichter zieht und Schmalzbrot kaut!

Auf das braune, vertrocknete Laub um die Tiergartenseeen / scheint die Novembersonne. // Mit schillernden Köpfchen aus verzaubertem Grün / wärmen sich in ihr die Enten. // In stilles, / blaues Wasser mit Wolken / wachsen verkehrt schwarze Bäume.

Unter dunklen, treibenden Novemberwolken / verdämmert die Haide. // Gebückt, / am Wegrand, / sitzst du und starrst / auf deine welken Hände. // Lebst du noch? // Gemartert, / im Dornenstrauch, / zittert ein letztes Blättchen!

Auf einem Berg aus Zuckerkant, / unter einem blühenden Machandelbaum, / blinkt mein Pfefferkuchenhäuschen. // Seine Fensterchen sind aus Goldpapier, / aus seinem Schornstein raucht Watte. // Im grünen Himmel, über mir, rauscht die Weihnachtstanne. // In meinem See aus Staniol / spiegeln sich alle ihre Engel, alle ihre Lichter! // Die kleinen Kinder stehn rum / und staunen mich an. // Ich bin der Zwerg Turlitipu. // Mein dicker Bauch ist aus Traganth, / meine Beinchen Streichhölzer, / meine listigen Aeugelchen / Korinthen.

Zwölf! // Durch die Gardinen in den Weihnachtsbaum / scheint der Mond. // Alle Engelchen glitzern. // Im weissen Kleidchen schluchzt die Braut, / wir halten Hochzeit. // Katerlieschen ist unsre Grossmama, / unser Grosspapa heisst Rumpelstilzchen. // Eine uralte Familie! // Die ganze Sippschaft, / alle Marzipanschweinchen sind geladen. // Leise, / knisternd, / seinen Segen, / singt der Weihnachtsstern.

In meine Dachkammer, / eine Etage höher als der Himmel, / kommen sie alle. // Menschen, die Goya und Utamaro lieben, / seltne, ganz ausgefallne, verdrehte Exemplare und Hühner, / die Palestrina über Pietro Mascagni stellen, / alte Herren, die heimlich, wenn im März die Veilchen wieder blühn, / auf den Strassen kleinen Rotznasen Bonbons zustecken, / und junge Leute, die Bücher verkaufen / und Sonntags, in ihren Mussestunden, den lieben Gott totschlagen. // Der Meister, der Meester, der Maëstro, der Maëstrino und der Maëstrillo. // Der Maëstrillo, wie immer, ist der Erste. // Er schüttelt den Schnee von den Schultern, / zieht die Handschuhe aus, knüpft das Halstuch ab, / die nassen Galoschen stellt er draussen neben den Rauchfang auf die Bodentreppe. // Um unser rotes, irisches Oefchen, auf Feldstühlchen, / sitzen wir dann, / horchen, wie ab und zu, unsichtbar, durch die Stille auf den Rost der Coaks nachrutscht / und freuen uns, wie durchs Dunkel unsre Cigarren glühn!

Auf meinen Probiertisch, / unter die Schusterkugel, / schleppen die jungen, täppischen Riesen mir ihre Missgeburten. // Die leblosen Gliederchen hängen schief, die Aeuglein drehn sich nicht. / lauter Alräunchen! // Hier renke ich ein Rückgrat ein, / dort trepaniere ich eine Schädeldecke, / mit einem Zwirnsfaden, kunstvoll, knipse ich ein Bein ab. // Dann nehme ich ein Prieschen, / rücke die schwarze Hornbrille und stelle die Lampe zurecht. // So. // Nun stippe ich in den Farbentopf. // Polichinell, der noch zu gebildet aussieht, kriegt als Nase eine Leberwurst, / Colombinchen, noch immer nicht schön genug, ein Zinnobermäulchen, / ein quäkendes Engelsküken, hilft ihm Alles nichts, einen Perlmutterpopo!

Um Euern Garten, / damit Ihr unter blühenden Bäumen lachen, jubeln und singen könnt, / runde, rolle, ringe ich meinen Drachenleib. // In respectvoller Distance, / mit Steinen, Brechstangen und Kotheimern, / steht das Gesindel. // Seine Wut schäumt auf, seine Ohnmacht brüllt, / wenn hinter den hohen Spiegelmauern, über die Rosen ranken, / plötzlich Eure Cymbeln tönen, / oder auf weissen, springenden Wassern, über die höchsten, steilsten Cypressen / Eure goldnen Bälle tanzen. // Aus ihren Augen, aus ihren Fäusten, / aus ihren lautlos geduckten Schultern / zittert die Gier: / wie Bestien über Eure Leiber stürzen, / johlend nach Euern Herzen graben, / durch schwarze, rauchende Tempeltrümmer Eure gestürzten Götter schleifen! // Meine Krallen glimmen, meine Augen glühn…

Die Diele knackt! // Mir graut / vor meinem Schatten. // Es hat einen dicken Krötenbauch, / Geierkrallen, / lange, schlenkernde Affenarme und Schweinsaugen… // Ich leuchte in alle Winkel. // Staub, / abgeblätterter Kalk, tote Fliegen und Spinnweben. // Wie ich mich endlich unter das Bett bücke, / die Haare sträuben sich mir, das Licht schlottert, / in eine Ecke geklemmt, / sitzt das Biest da. // Aus seinem Maul, / halb zerkaut, / hängt mein Pantoffel. // Entsetzt / stieren wir uns an. // Leise, / hin und her, / ringelt sich sein Rattenschwanz.

In rote Fixsternwälder, die verbluten, / peitsch ich mein Flügelross. // Durch! // Hinter zerfetzten Planetensystemen, hinter vergletscherten Ursonnen, / hinter Wüsten aus Nacht und Nichts / wachsen schimmernd Neue Welten – Trillionen Crocusblüten! //


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Gedichte B. Phantasus - Holz