Gedichte Der Barbar

I

Ich komme aus der Wüste,
Wo ich bei der Löwin lag.
Ich habe den Schakalen die Knochen aus dem blutigen Gefräss gerissen,
Ich bin mit dem Strauss um die Wette gelaufen
Und habe dem Fuchs das Junge aus der Höhle gestohlen.
Hei! Hei!
Mein Blut saust hinter der Betonstirn
Wie der Orinoko.
Auf meinen ausgebreiteten Händen
Trag ich zwei Sterne.
Ich stemme Sterne,
Denn ich bin Mitglied des Athletenklubs Südost.
Ich saufe die Milch vom Euter der Kuh
Und von den Zitzen einer Frau,
Die Zwillinge warf.
Lasst mich taufreden
Mit euren Faseleien
Von der Weisheit der Tapergreise.

Friede sei mit dir, wenn ich dir den Schädel eingeschlagen habe,
Mein Feind.
Auf deinem Grabe will ich deine Witwe umarmen.
Die von den Verwandten gestifteten Nelkentöpfe
Sollen zerscherben.
Und das Holzkreuz,
Auf dem dein verächtlicher Name steht,
Sei zerbrochen
Wie die Bundeslade
Und die Tontafelbibliothek des Assurbanipal.

II

Tötet diesen gottverdammten Schwafler Kant
Und Nietzschke und Trietschke,
Die Weissgardisten,
Die Sch…. gardisten,
Die Drückeberger
Vom Traum der Tat.
Wir rücken an
Wir ewiger Wanderer durch die Länder der tausend Seen.
Unsre Augen sind feucht noch vom Tau des Himalaja,
Unter unsern Fingernägeln
Brennt noch die schmutzige Erde Afrikas.
Unser Herz trommelt an die Rippen
Die Melodie der Negertrommeln.
Wir wissen aus und ein
In den Schoss der Frauen
Und ins Dickicht des Urwalds.

III

Jetzt will ich dir sagen, wer ich bin,
Jetzt will ich dir klagen, wer ich bin.
Auch ich war ein Jüngling im lockigen Haar,
Aber mich schor ein Büttel.
Ich bin stark geworden,
Nicht schwach wie Simson,
Dess bin ich froh.
Ich habe einen Sträflingskopf,
Dess bin ich stolz.
In den Zuchthäusern sass ich
Und flocht Bastkörbchen,
In denen kalifornische Äpfel und Orangen aus Messina den Reichen zu Tisch getragen wurden.
Ich aber frass Kartoffelschalen
Wie ein Kaninchen.
Wir wollen uns Zuchthäusler nennen,
Wie einst die Geusen sich Geusen,
Die Christen sich Christen nannten.
Das sei unser Ehrenname und Ehrenwort.
Bruder Zuchthäusler! Bruder Vagabund!
Weisst du noch von den Frühlingsnächten an der Amper
Und den Feuern der Johannisnacht
Auf den bayrischen Bergen
In unsren Herzen?

IV

Es wird die Zeit kommen,
Da jeder jungfräuliche Schoss sich dir bietet,
Und alle Jungfrauen,
Schwarze, weisse, rote,
Gefleckte,
Schwanger sein werden von dir,
Bunter Bruder!
Da wird von der Kuppel des Kreml in Moskau
Der Engel Gabriel die Tuba erheben,
Die Posaune Jerichos wird noch einmal ertönen,
Und ihre Paläste werden fallen
Wie Kartenhäuser,
Und ihre Seelen
Vom Baum des Seins
Wie faule Pflaumen.
Kahl wird der Baum erst stehen
Ohne Frucht
Einen Winter lang.
Aber im Frühling wird er sprossen,
Und im Sommer wird er blühen,
Und im Herbste wird er Früchte tragen
Einfältig
Tausendfältig.

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