Der Erobrungskrieg

Wie sich der Liebende freut, wenn nun die Geliebte, der hohen
Todeswog‘ entflohn, wieder das Ufer betritt;
Oft schon hatt‘ er hinunter geschaut an dem Marmor des Strandes,
Immer, neuen Gram, Scheiter und Leichen gesehn;
Endlich sinket sie ihm aus einem Nachen, der antreibt,
An das schlagende Herz, siehet den Lebenden! lebt!
Oder wie die Mutter, die harrend und stumm an dem Tor lag
Einer durchpesteten Stadt, welche den einzigen Sohn
Mit zahllosen Sterbenden ihr, und Begrabenen einschloß,
Und in der noch stets klagte das Totengeläut,
Wie sie sich freuet, wenn nun der rufende Jüngling herausstürzt,
Und die Botschaft selbst, daß er entronnen sei, bringt.
Wie der trübe, bange, der tieferschütterte Zweifler,
(Lastende Jahre lang troff, ihm die Wunde schon fort)
Bei noch einmal ergriffner, itzt festgehaltener Waagschal,
Sehend das Übergewicht, sich der Unsterblichkeit freut!
Also freut, ich mich, daß ein großes, mächtiges Volk sich
Nie Eroberungskrieg wieder zu kriegen entschloß;
Und daß dieser Donner, durch sein Verstummen, den Donnern
Anderer Völker, dereinst auch zu verstummen, gebot.
Jetzo lag an der Kette das Ungeheuer, der Greuel
Greuel! itzt war der Mensch über sich selber erhöht!
Aber, weh uns! sie selbst, die das Untier zähmten, vernichten
Ihr hochheilig Gesetz, schlagen Erobererschlacht.
Hast du Verwünschung, allein wie du nie vernahmst, so verwünsche! –
Diesem Gesetz glich keins! aber es sei auch kein Fluch
Gleich dem schrecklichen, der die Hochverräter der Menscheit,
Welche das hehre Gesetz übertraten, verflucht.
Sprechet den Fluch mit aus, ihr blutigen Tränen, die jetzo
Weint, wer voraussieht; einst, wen das Gesehene trifft.
Mir lebt nun die Geliebte nicht mehr: der einzige Sohn nicht!
Und der Zweifler glaubt mir die Unsterblichkeit nicht!

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