Die Suliotin

Ich hab‘ die Spindel lang‘ gedreht, hab‘ manche Winternacht
Gewebt am Stuhl, und froh dabei an’s neue Kleid gedacht.
Ich hab‘ die Heerden auf den Höhn gehütet manchen Tag,
Und bin geklettert ohne Noth den jungen Ziegen nach;
Ich habe meinen Kleinen auch manch Kinderspiel gezeigt,
Und Sprung und Lauf und Schuß und Wurf ward mir mit ihnen leicht.
Jetzt schleif‘ ich einen Stahl für mich und drehe Sennen mir –
Mein Herr, mein Hort, mein Herz, o nimm mich in den Kampf mit dir!
Ich kenne jeden Felsenpfad auf Suli’s steilen Höhn,
Und wo die flinke Gemse zagt, da kann ich sicher stehn.
Hast du noch nicht gesehn, was ich vermag im Sprung und Lauf,
Wohlan, so gieb ein Probestück mir mit den Männern auf!
Und eine Klippe zeige mir auf Suli weit und breit,
Die ich dir nicht erklettern kann zu aller Frauen Neid.
Den Vogel treff‘ ich in der Lust, wo’s gilt nur einen Scherz –
Meinst du, verfehlen könnt‘ ich ja des großen Feindes Herz?
Mein Herr, mein Hort, mein Herz, o nimm mich in den Kampf mit dir!
Mein Töchterchen kann spinnen schon. – Was sitz‘ ich länger hier?
Mein jüngster Knabe steht allein. – Was ist mein Arm ihm werth?
Mein ältester geht auf die Jagd. – Was sorg‘ ich für den Herd?
Mit dir, mit dir will ich ins Feld! da hab‘ ich meinen Stand,
Bei dir, bei dir, da, Brust an Brust, da, Liebster, Hand in Hand!
Und sollt‘ ich fallen, sieh nicht hin, und denke nicht an mich,
Denk an den Feind, denk an den Kampf, und denke, Herz an dich,
An unsre Kinder, an dein Haus, an Suli’s heil’ge Höhn,
An unsres Gottes Tempel, die auf ihren Gipfeln stehn,
An deiner Heldenväter Staub, und dann an eine Gruft
Für mich, für dich, in freier Erd‘ und unter freier Luft!

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