An König Ludwig

1825

Vom Sarg des Vaters richtet das Volk sich auf,
Zu dir sich auf, mit Trauer und Stolz zugleich:
Vertraun im Blick, im Munde Wahrheit,
Schwört es dem Sohne der Wittelsbacher.

Des Thrones glatte Schwelle, wie selbstbewußt,
Wie fest betrittst du sie, wie gereift im Geist!
Ja, leichter hebt dein freies Haupt sich,
Seit die metallene Last ihm zufiel.

Dir schwellt erhabne Güte das Herz, mit ihr,
Was mehr noch frommt als Güte – der tiefe Sinn:
Wo dieser Schöpfer mangelt, sehn wir
Alles zerstückelt und schnell verunglückt.

Dein Auge spähte durch die Vergangenheit,
Es lag das Buch der Zeiten auf deinem Knie,
Gedanken pflücktest du, wie Blumen,
Über dem Grabe der deutschen Vorwelt.

Dein Volk, du kennst es. Jeglichem Zeitgeschick,
Das ihm zu Teil ward, fühltest und sannst du nach,
Und still, in eigner Brust verheimlicht,
Trugst du den lachenden Lenz der Zukunft.

Du hast mit uns erlitten den Fluch des Kriegs,
Gezählt die Todesnarben der Jünglinge,
Die deiner Ahnherrn Strom, der Rhein, sah
Seelen verhauchen für deutsche Freiheit.

Und nicht umsonst verhauchen, du fühlst es wohl!
Nach jenes Cäsars tragischem Untergang,
Was könnten kleinre Scheindespoten
Anders erregen, als frostig Lachen?

Du aber teilst die heilige Glut mit uns,
Vor der in Staub sank jener geprüfte Held,
Und fallen ließest du mit uns ihr
Eine begeisterte, warme Träne.

Dem Stein des Rechts, den edelgesinnt und treu
Dein Vater legte, bläsest du Atem ein,
Du siehst im Marmor keinen Marmor,
Aber ein künftiges Jovisantlitz.

Allein wie sehr du Wünsche des Tags verstehst,
Nicht horchst du blindlings jedem Geräusch, du nimmst
Das Zepter, jenem Joseph ungleich,
Nicht in die weltliche Faust der Neurung.

Ehrfurcht erweckt, was Väter getan, in dir,
Du fühlst verjährter Zeiten Bedeutsamkeit,
Ins Wappenschild uralter Sitte
Fügst du die Rosen der jüngsten Freiheit.

Heil dir und Heil der Lieblichen neben dir,
Heil jedem Sprößling, welchen sie dir gebar!
Wenn Kinder dich und Volk umjubeln,
Leerst du, als Becher, des Segens Füllhorn!

Wie eine Rebe, schattig und traubenschwer,
Die schon den Keim des werdenden Rausches nährt,
Umschlängelt deinen angeerbten
Blühenden Zepter der goldne Friede.

Rückwärts erblickst du Flammen und Krieg und Mord,
Doch mild am Gürtel trägst du das reine Schwert;
Du stehst, wie jener fromme Dietrich
Über den Leichen der Nibelungen.

So sei (du warst es immer, erlauchter Fürst!)
Des Friedens Schirm und jeglicher Kunst mit ihm,
Die nur an seiner sanften Wärme
Seelenerquickende Knospen öffnet.

Des Bildners Werkstatt wimmelt von Emsigkeit,
Es hascht der Maler seltengebotnen Stoff,
Die Bretter, Schauplatz jeder Größe,
Biegen sich unter dem Gang der Dichtkunst.

Und jenen Festsaal, Gütiger, öffnest du,
Voll edler Formen, wie sie ein Meißel schuf,
An dessen Würde, dessen Kraft wir
Gerne verschwenden das Ach der Sehnsucht.

Früh war die Schönheit deines Gemüts Bedarf,
Und Schönes ist ja Göttliches, leicht verhüllt
Durch einen Flor, den uns des Denkers
Wesenerforschendes Auge lüftet.

Und nicht vergeblich sogst du mit Emsigkeit
Das tiefste Mark altgriechischer Bildung ein:
Wofür, als fürs Vollkommne, schlüge
Solch ein erhabenes Herz, wie deines?

Es geht die Sage, daß du als Jüngling einst,
An deiner Salzach buschigem Felsenstrand,
Abschüttelnd Weltgeräusch und Hofzwang,
Nur mit homerischen Helden umgingst.

Und zürnst du noch, wenn trunken ein Dichter dir
Ausgießt des Lobes Weihungen? Zwar es sind
Nur Tropfen Taus, doch deine Sonne
Macht sie zu farbigen Regenbögen.

Vergib, o Herr! dem Dichter, der ohne dich
Verlassen stünde, fremd in der Zeit und stumm:
Dein fürstlich Dasein löst den Knoten
Seiner verworrenen Lebensrätsel.

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