Gedichte Die Marien-Prozession

Gent

Aus allen Türmen stürzt sich, Fluß um Fluß,
Hinwallendes Metall in solchen Massen
Als sollte drunten in der Form der Gassen
Ein blanker Tag erstehn aus Bronzeguß,

An dessen Rand, gehämmert und erhaben,
Zu sehen ist der buntgebundne Zug
Der leichten Mädchen und der neuen Knaben,
Und wie er Wellen schlug und trieb und trug,
Hinabgehalten von dem ungewissen
Gewicht der Fahnen und von Hindernissen
Gehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn;
Und drüben plötzlich beinah mitgerissen
Vom Aufstieg aufgescheuchter Räucherbecken,
Die fliegend, alle sieben, wie im Schrecken
An ihren Silberketten zerrn.

Die Böschung Schauender umschließt die Schiene,
In der das alles stockt und rauscht und rollt:
Das Kommende, das Chryselephantine,
Aus dem sich zu Balkonen Baldachine
Aufbäumen, schwankend im Behang von Gold.

Und sie erkennen über all dem Weißen,
Getragen und im spanischen Gewand,
Das alte Standbild mit dem kleinen heißen
Gesichte und dem Kinde auf der Hand
Und knieen hin, je mehr es naht und naht,
In seiner Krone ahnungslos veraltend
Und immer noch das Segnen hölzern haltend
Aus dem sich groß gebärdenden Brokat.

Da aber wie es an den Hingeknieten
Vorüberkommt, die scheu von unten schaun,
Da scheint es seinen Trägern zu gebieten
Mit einem Hochziehn seiner Augenbraun,
Hochmütig, ungehalten und bestimmt:
So daß sie staunen, stehn und überlegen
Und schließlich zögernd gehn. Sie aber nimmt,
In sich die Schritte dieses ganzen Stromes
Und geht, allein, wie auf erkannten Wegen
Dem Glockendonnern des großoffnen Domes
Auf hundert Schultern frauenhaft entgegen.


Gedichte Die Marien-Prozession - Rilke