Gedichte Diner zu Koblenz im Sommer 1774

Zwischen Lavater und Basedow
Saß ich bei Tisch des Lebens froh.
Herr Helfer, der war gar nicht faul,
Setzt‘ sich auf einen schwarzen Gaul,
Nahm einen Pfarrer hinter sich
Und auf die Offenbarung strich,
Die uns Johannes, der Prophet,
Mit Rätseln wohl versiegeln tät;
Eröffnet‘ die Siegel kurz und gut,
Wie man Theriaksbüchsen öffnen tut,
Und maß mit einem heiligen Rohr
Die Kubusstadt und das Perlentor
Dem hocherstaunten Jünger vor.
Ich war indes nicht weit gereist,
Hatte ein Stück Salmen aufgespeist.

Vater Basedow, unter dieser Zeit,
Packt‘ einen Tanzmeister an seiner Seit
Und zeigt‘ ihm, was die Taufe klar
Bei Christ und seinen Jüngern war
Und daß sich’s gar nicht ziemet jetzt,
Daß man den Kindern die Köpfe netzt.
Drob ärgert‘ sich der andre sehr
Und wollte gar nichts hören mehr
Und sagt‘: es wüßte ein jedes Kind,
Daß es in der Bibel anders stünd.
Und ich behaglich unterdessen
Hätt einen Hahnen aufgefressen.

Und, wie nach Emmaus, weiter ging’s
Mit Geist – und Feuerschritten,
Prophete rechts, Prophete links,
Das Weltkind in der Mitten.


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