Gedichte Vater unser

Blitze lauern hinter Wolken,
In den Eichen wühlt der Sturm;
Dicker Wald; ein Nothgeläute
Hallt schon dumpf von manchem Thurm.

Ruhig unter’m breiten Baume,
Seine Pfeife in dem Mund,
Liegt der alte Räuberhauptmann;
Ihm zu Füßen schläft sein Hund.

Und ein Jüngling, bleich, wie Keiner,
Streckt sich ihm zur Seite hin.
„Schleif dein Messer!“ spricht der Alte,
Er gehorcht mit schwerem Sinn.

Roth und zischend zwischen Beide
Springt ein Blitz, doch trifft er nicht.
„Vater unser!“ ruft der Jüngling,
Doch der Alte flucht und spricht:

„Vater unser lass‘ ich gelten,
Wenn man auf dem Richtstuhl sitzt,
Wenn die Scheere in den Haaren
Und das Beil im Nacken blitzt.

Jetzt verbiet‘ ich dir das Beten,
Denn zum Herrn erkorst du mich,
Und ich stell‘ den Mord noch heute
Dunkel zwischen Gott und dich!

Ja, ich schwör’s, du sollst den Ersten,
Den du hier erblicken wirst,
Tödten, daß du nicht noch einmal
Dich von mir zu Gott verirrst.

Du erschrickst? Ich will’s nicht schelten,
Mir auch schien das einst gar viel,
Und auch du erlebst die Zeiten,
Wo du’s treibst, wie ich, als Spiel.

Mir ist solch ein Muth gekommen,
Seit ich, weil er zornig sprach
Vom Gericht und andern Dingen,
Meinen Vater niederstach.“

Angstgeschüttelt ruft der Jüngling:
„Nimmer, nimmer that’st du das!“
Kräftig schmauchend spricht der Alte:
„Ei, ich that’s, und ist’s denn was?“

„Wohl, da muß ich’s freilich halten,
Was du schwurst, und thu’s mit Lust!“
Ruft’s, und stößt dem grausen Alten
Fest sein Messer in die Brust.

Jener ballt die Hand, verröchelnd,
Doch er sieht es ohne Graus,
Betet, wie nach einem Opfer,
Laut sein Vaterunser aus.

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