Gedichte Ein Weihnachtslied für meine Kinder

Vor der Ausweisung, 1850

Zum sechstenmal der Kerzen Strahl
Anfach‘ ich auf der Fichte;
Das ist ein Schein! Herein, herein,
Und freut euch an dem Lichte!
Genug geharrt, genug gescharrt
Im Gang und an der Türe!
Die Schelle klingt, der Riegel springt:
Herein, mein Kleeblatt-Viere!

Herein, ihr Froh’n! Ach, wo nicht schon,
Ihr zarten jungen Leben,
Kamt ihr, wie heut, auf mein Geläut‘ –
Wir sind Nomaden eben!
Heil eurer Lust! Mir füllt die Brust
Ein schmerzlich-süßes Träumen!
Anheb‘ ich weich ein Lied für euch
Von euren Weihnachtsbäumen!

Der erste stund auf Schweizergrund
In rauher Felsen Schatten;
Er sah den See, er sah den Schnee,
Den ew’gen, ob den Matten;
Sah Herdenziehn und Alpenglühn,
Den Gletscher und die Wiese;
Bot mit Gestöhn die Brust dem Föhn –
Dem Föhn und auch der Bise.

Die zweite dann und dritte Tann‘
Aufwuchsen an der Themse;
Ihr Grün entlang zu Berge sprang
Kein Steinbock, keine Gemse;
Doch stattlich schwamm den niedern Stamm
Vorüber Bark‘ um Barke;
Und herbes Wehn, der Nordsee Wehn,
Gab Kraft dem jungen Marke.

Das nächste war ein heimisch Paar,
Ein Tannenpaar vpm Rheine,
Das Wurzeln schlug und Nadeln trug
Auf hohem Ufersteine.
Dem Riß der Ley entragt‘ es frei,
Landein die Eifel blaute,
Und Weingerank umflog den Hang,
Von dem es niederschaute.

Und der euch heut sein Astwerk beut,
Das zackige, das breite,
Der schaute dreist, blank übereist
Vom Grafenberg ins Weite.
Stromniedrung hier, dort Bergrevier –
Ein letzter Klippensprenger,
Nachrauscht‘ er hohl ein Lebewohl
Dem Rhein, dem Hollandsgänger.

Ade, ade! Das alte Weh!
Wer weiß an was für Wellen
Wir übers Jahr, Rauhfrost im Haar,
Die Weihnachtstanne fällen!
Vielleicht aufs neu umfängt sie treu
Alt-Englands werter Boden –
Doch sichrer ist, sie steht zur Frist
Am Hudson in den Loden.

Sieht ernst sich an im Michigan,
Strahlt wieder aus der Bläue
Der Erieflut – eine Rothaut ruht
Auf ihrer Nadelstreue.
Zur Hand im Schnee starr liegt ein Reh,
Bölutrünstig, frisch geschossen;
Ein Feuerlein wirft hellen Schein
Auf zu den dunklen Sprossen.

Die aber sprühn ihr Harz ins Glühn
Des Reisigs und der Kohlen. –
Das ist die Tann‘ – und horch, beian,
Was summt im Baum, dem hohlen?
Im Eichenstamm, wie wundersam!
Was tönen da für Stimmen?
Den Roten fragt – ich weiß, er sagt:
Das sind des Westens Immen!

Ein wilder Schwarm! Die Luft war warm,
Die Prärie blumig wallte,
Von Kelchen bunt war jeder Grund
Und jede Felsenspalte –
Da flogen sie, da sogen sie!
Nun surrt es in den Zellen,
Die künftig Jahr, hold Doppelpaar,
Den Christbaum dir erhellen!

So sorgt Natur auf ferner Flur!
Schon heut für euch, ihr Lieben!
Und Menschen auch, lebend’gen Hauch
Und Odem, trefft ihr drüben!
Manch rauhe Hand durchs rauhe Land
Treibt euch den Pflug entgegen,
Die segnend sich, waldnachbarlich,
Auf eure Stirn wird legen!

Manch rauhe Hand im rauhen Land
Wird Beeren für euch brechen;
Manch treuer Mund aus Herzensgrund
Euch küssen, zu euch sprechen;
Manch lieb Gesicht, aus Locken dicht,
Am Blockhaus euch zu begrüßen;
Manch kleiner Fuß, taunassen Schuhs,
Voreilen euren Füßen!

Drum muß es sein, und stößt der Rhein
Euch aus, ihr Vagabunden:
Der neue Herd, der feste Herd,
Er wird euch doch gefunden!
Dran wurzelt ihr und lacht, das hier
Und hudelt, des Gelichters: –
Die Heimat bloß macht heimatlos
Die Kinder ihres Dichters!

Da, Glockenton! Halb achte schon!
Git‘ Nacht nun eurem Baume!
Nicht, wild Quartett, du gehst zu Bett,
Du siehst ihn fort im Traume?
Schon blaßt sein Licht! Vergeßt ihn nicht,
Ihr früh um mich Gehetzten –
Im Vaterland, das uns verbannt,
Im Vaterland den letzten!

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