Gedichte Lieve Heere

Der Spanier liegt vor Zierikzee
Mit seinen Schiffen all;
Die Bürger drinnen hungern sehr,
Und fürchten nahen Fall.

Sie sagen: „Wer nimmt diesen Brief
Und trägt ihn durch das Meer?
Dem Prinzen bringt er einen Brief,
Und uns bringt er ein Heer.“

Da waren in der Feste zwei,
Die sprachen: „Wir! gebt her!“
Lieve Heere war des einen Nam‘,
Jan Schagt des andern der.

Jedweder nähte seinen Brief
Wohl in sein ledern Wams,
Und stürzte sich ins Wasser frisch,
Und trat es und durchschwamm’s.

Die Spanier setzten Boote aus
Und machten auf sie Jagd;
Wer sich gefangen nehmen ließ,
Das war der Meister Schagt.

Doch als nun Speer und Schlinge flog,
Daß man den Heere fah‘,
Als er nur Spanier um und um
Und keinen Ausweg sah:

Da warf er in den Nacken stolz
Sein triefend Haupt zurück,
Und sah die Herrenknechte an
Mit einem stolzen Blick.

„Wir haben ihn, wir haben ihn!“ –
Da taucht‘ er unter schnell!
Glück zu! auf Nimmerwiedersehn!
Du triefender Gesell!

Die Meerflut schloß sich über ihm,
Und über seinem Brief;
Kein Teufel wußt‘, was drinnen stand –
Das Meer ist dort sehr tief.


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