Gedichte Wider den Aufschub der Bekehrung

Willst du die Buße noch, die Gott gebeut, verschieben:
So schändest du sein Wort, und mußt dich selbst nicht lieben.
Ist deine Besserung nicht deiner Seele Glück?
Und wer verschiebt sein Heil gern einen Augenblick?

Allein wie schwer ist’s nicht, sein eigen Herz bekämpfen,
Begierden widerstehn, und seine Lüste dämpfen?
Ja, Sünder, es ist schwer; allein zu deiner Ruh
Ist dies der einzge Weg. Und dem entsagest du?

Ist deine Pflicht von Gott, wie kannst du sie vergessen?
Nach deinen Kräften selbst hat er sie abgemessen.
Was weigerst du dich noch? Ist Gott denn ein Tyrann,
Der mehr von mir verlangt, als ich ihm leisten kann?

Sprich selbst: gewinnet Gott, wenn ich ihm kindlich diene,
Und, seiner wert zu sein, im Glauben mich erkühne?
Wenn du die Tugend übst, die Gott, dein Herr gebeut,
Wem dienst du? Ringst du nicht nach deiner Seligkeit?

Was weigerst du dich noch, das Laster zu verlassen?
Weil es dein Unglück ist, befiehlt es Gott zu hassen.
Was weigerst du dich noch, der Tugend Freund zu sein?
Weil sie dich glücklich macht, befiehlt sie Gott allein.

Gott beut die Kraft dir an, das Gute zu vollbringen.
Soll er durch Allmacht dich, ihm zu gehorchen, zwingen?
Er gab dir die Vernunft; und du verleugnest sie?
Er sendet dir sein Wort; und du gehorchst ihm nie?

Sprich nicht: Gott kennt mein Herz; ich hab es ihm verheißen,
Mich noch dereinst, mich bald vom Laster loszureißen;
Itzt ist dies Werk zu schwer. Doch diese Schwierigkeit,
Die heute dich erschreckt, wächst sie nicht durch die Zeit?

Je öfter du vollbringst, was Fleisch und Blut befohlen,
Je stärker wird der Hang, die Tat zu wiederholen.
Scheust du dich heute nicht, des Höchsten Feind zu sein:
Um wie viel weniger wirst du dich morgen scheun!

Ist denn die Buß ein Werk von wenig Augenblicken?
Kann dich kein schneller Tod der Welt noch heut entrücken?
Ist ein Geschrei zu Gott, ein Wunsch nach Besserung,
Und Angst und Missetat, die wahre Heiligung?

Ist’s gnug zur Seligkeit, des Glückes der Erlösten,
Wenn uns der Tod ergreift, sich sicher zu getrösten;
Ist das Bekenntnis gnug, daß uns die Sünde reut:
So ist kein leichter Werk, als deine Seligkeit.

Doch fordert Gott von uns die Reinigkeit der Seelen;
Ist keine Seele rein, der Glaub und Liebe fehlen;
Ist dieses dein Beruf, Gott dienen, den du liebst:
So zittre vor dir selbst, wenn du dies Werk verschiebst.

Der Glaube heiligt dich. Ist dieser dein Geschäfte?
Nein, Mensch! Und du verschmähst des Geistes Gottes Kräfte?
Erschreckt dich nicht sein Wort? Gibt in verkehrtem Sinn
Den Sünder, der beharrt, nicht Gott zuletzt dahin?

Hat Christus uns erlöst, damit wir Sünder bleiben,
Und, sicher durch sein Blut, das Laster höher treiben?
Gebeut uns Christi Wort nicht Tugend, Recht und Pflicht:
So ist es nicht von Gott. Gott widerspricht sich nicht.

Noch heute, weil du lebst, und seine Stimme hörest,
Noch heute schicke dich, daß du vom Bösen kehrest.
Begegne deinem Gott, willst du zu deiner Pein
Dein hier versäumtes Glück nicht ewig noch bereun.

Entschließe dich beherzt, dich selber zu besiegen;
Der Sieg, so schwer er ist, bringt göttliches Vergnügen.
Was zagst du? Geht er gleich im Anfang langsam fort:
Sei wacker! Gott ist nah, und stärkt dich durch sein Wort.

Ruf ihn in Demut an; er tilget deine Sünden.
Und läßt dich sein Gesetz erst ihren Fluch empfinden:
So widerstreb ihm nicht; denn Gottes Traurigkeit
Wirkt eine Reu in dir, die niemals dich gereut.

So süß ein Laster ist, so gibt’s doch keinen Frieden.
Der Tugend nur allein hat Gott dies Glück beschieden.
Ein Mensch, der Gott gehorcht, erwählt das beste Teil;
Ein Mensch, der Gott verläßt, verläßt sein eignes Heil.

Die Buße führt dich nicht in eine Welt voll Leiden;
Gott kennt und liebt dein Glück; sie führt zu deinen Freuden;
Macht deine Seele rein, füllt dich mit Zuversicht,
Gibt Weisheit und Verstand, und Mut zu deiner Pflicht.

Sprich selbst: Ist dies kein Glück, mit ruhigem Gewissen
Die Güter dieser Welt, des Lebens Glück genießen,
Und mäßig und gerecht in dem Genusse sein,
Und sich der Seligkeit schon hier im Glauben freun?

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Gedichte Wider den Aufschub der Bekehrung - Gellert