Gedichte Die Weisen und die Leute

Epimenides
Kommt, Brüder! sammelt euch im Hain,
Schon drängt das Volk, es strömt herein,
Von Nord, Süd, West und Osten.
Sie möchten gern belehret sein,
Doch soll’s nicht Mühe kosten:
Ich bitt euch, haltet euch bereit,
Ihm derb den Text zu lesen.

Die Leute
Ihr Grillenfänger sollt uns heut
Zu Rede stehn, mit Deutlichkeit
Und nicht mit dunklem Wesen.
Sagt! – Ist die Welt von Ewigkeit?

Anaxagoras
Ich glaub es: denn zu jeder Zeit,
Wo sie noch nicht gewesen,
Das wäre schade gewesen.

Die Leute
Doch ob der Untergang ihr dräut?

Anaximenes
Vermutlich! doch mir ist’s nicht leid:
Denn bleibt nur Gott in Ewigkeit,
Wird’s nie an Welten fehlen.

Die Leute
Allein was ist Unendlichkeit?

Parmenides
Wie kannst du so dich quälen!
Geh in dich selbst! Entbehrst du drin
Unendlichkeit in Geist und Sinn,
So ist dir nicht zu helfen.

Die Leute
Wo denken und wie denken wir?

Diogenes
So hört doch auf zu belfen!
Der Denker denkt vom Hut zum Schuh,
Und ihm gerät in Blitzes Nu
Das Was, das Wie, das Beste.

Die Leute
Haust wirklich eine Seel in mir?

Mimnermus
Das frage deine Gäste.
Denn, siehst du, ich gestehe dir:
Das artige Wesen, das, entzückt,
Sich selbst und andre gern beglückt,
Das möcht ich Seele nennen.

Die Leute
Liegt auch bei Nacht der Schlaf auf ihr?

Periander
Kann sich von dir nicht trennen.
Es kommt auf dich, du Körper, an!
Hast du dir leiblich wohlgetan,
Wird sie erquicklich ruhen.

Die Leute
Was ist der sogenannte Geist?

Kleobulus
Was man so Geist gewöhnlich heißt,
Antwortet, aber fragt nicht.

Die Leute
Erkläre mir, was glücklich heißt!

Krates
Das nackte Kind, das zagt nicht;
Mit seinem Pfennig springt es fort
Und kennt recht gut den Semmelort,
Ich meine des Bäckers Laden.

Die Leute
Sprich! wer Unsterblichkeit beweist?

Aristipp
Den rechten Lebensfaden
Spinnt einer, der lebt und leben läßt,
Er drille zu, er zwirne fest,
Der liebe Gott wird weifen.

Die Leute
Ist’s besser törig oder klug?

Demokrit
Das läßt sich auch begreifen.
Hält sich der Narr für klug genug,
So gönnt es ihm der Weise.

Die Leute
Herrscht Zufall bloß und Augentrug?

Epikur
Ich bleib in meinem Gleise.
Den Zufall bändige zum Glück,
Ergetz am Augentrug den Blick;
Hast Nutz und Spaß von beiden.

Die Leute
Ist unsre Willensfreiheit Lug?

Zeno
Es kommt drauf an zu wagen.
Nur halte deinen Willen fest,
Und gehst du auch zugrund zuletzt,
So hat’s nicht viel zu sagen.

Die Leute
Kam ich als böse schon zur Welt?

Pelagius
Man muß dich wohl ertragen.
Du brachtest aus der Mutter Schoß
Fürwahr ein unerträglich Los:
Gar ungeschickt zu fragen.

Die Leute
Ist Beßrungstrieb uns zugesellt?

Plato
Wär Beßrung nicht die Lust der Welt,
So würdest du nicht fragen.
Mit dir versuch erst umzugehn,
Und kannst du dich nicht selbst verstehn,
So quäl nicht andre Leute.

Die Leute
Doch herrschen Eigennutz und Geld!

Epiktet
Laß ihnen doch die Beute!
Die Rechenpfennige der Welt
Mußt du ihr nicht beneiden.

Die Leute
So sag, was uns mit Recht gefällt,
Eh wir auf immer scheiden!

Die Weisen

Mein erst Gesetz ist, in der Welt
Die Frager zu vermeiden.


Gedichte Die Weisen und die Leute - Goethe