Gedichte Am Baum der Menschheit drängt sich Blüt‘ an Blüte

Am Baum der Menschheit drängt sich Blüt‘ an Blüte,
Nach ew’gen Regeln wiegen sie sich drauf;
Wenn hier die eine matt und welk verglühte,
Springt dort die andre voll und prächtig auf.
Ein ewig Kommen und ein ewig Gehen,
Und nun und nimmer träger Stillestand!
Wir sehn sie auf, wir sehn sie niederwehen,
Und jede Blüte ist ein Volk, ein Land!

Wir, die wir wandeln noch auf jungen Sohlen,
Sahn doch schon manche sterbend und geknickt.
Vom Steppengeier ward die Rose Polen
Vor unsern Augen wild und grimm zerpflückt!
Durchs Laub Hispaniens ernst auf ihrem Gange
Stürmt die Geschichte – ob es fallen muß?
Ob nicht ein andres, morsch und faul schon lange,
Zerflatternd hinsaust übern Bosporus?

Doch neben diesen, die des Weltgeists Weben
Vom Aste schüttet mit gewalt’ger Kraft,
Sehn wir ans Licht auch andre Triebe streben,
Hellaugig, freudig, voll von jungem Saft.
O, welch ein Sprossen, welch ein reich Entfalten!
O, welch ein Drang in alt und neuem Holz!
Wie manche Knospe sahn auch wir sich spalten,
Wie manche platzen, laut und voll und stolz!

Der Knospe Deutschland auch, Gott sei gepriesen!
Regt sich’s im Schoß! Dem Bersten scheint sie nah –
Frisch, wie Hermann auf den Weserwiesen,
Frisch, wie sie Luther auf der Wartburg sah!
Ein alter Trieb! Doch immer mutig keimend,
Doch immer lechzend nach der Sonne Strahl,
Doch immer Frühling, immer Freiheit träumend –
O, wird die Knospe Blume nicht einmal?

Ja, voller Kelch! – Dafern man nur nicht hütet,
Was frei und freudig sich entwickeln muß!
Dafern man nicht, was die Natur gebietet,
Für Ranke nimmt und eitel wilden Schuß!
Dafern man zusieht, daß kein Meltau zehre
Tief an der Blätter edlem, zartem Kern!
Dafern den Bast man wegwirft und die Schere!
Dafern – ja nun, ich meine nur: dafern!

Der du die Blumen auseinanderfaltest,
O Hauch des Lenzes, weh‘ auch uns heran!
Der du der Völker heil’ge Knospen spaltest,
O Hauch der Freiheit, weh‘ auch diese an!
In ihrem tiefsten, stillsten Heiligtume
O, küss‘ sie auf zu Duft und Glanz und Schein –
Herr Gott im Himmel, welche Wunderblume
Wird einst vor allen dieses Deutschland sein!

Am Baum der Menschheit drängt sich Blüt‘ an Blüte,
Nach ew’gen regeln wiegen sie sich drauf;
Wenn hier die eine matt und welk verglühte,
Springt dort die andre voll und prächtig auf.
Ein ewig Kommen und ein ewig Gehen,
Und nun und nimmer träger Stillestand!
Wir sehn sie auf, wir sehn sie nieder wehen –
Und ihre Lose ruhn in Gottes Hand!
St. Goar, Januar 1844.

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