Gedichte Der Tod des Führers

„Von den Segeln tropft der Nebel,
Auf den Buchten zieht der Duft.
Zündet die Latern‘ am Maste!
Grau das Wasser, grau die Luft.
Totenwetter! – zieht die Hüte!
Mit den Kindern kommt und Fraun!
Betet! denn in der Kajüte
Sollt ihr einen Toten schaun!“

Und die deutschen Ackersleute
Schreiten dem aus Boston nach,
Treten mit gesenktem Haupte
In das niedre Schiffsgemach.
Die nach einer neuen Heimat
Ferne steuern übers Meer,
Sehn im Totenhemd den Alten,
Der sie führte bis hieher;

Der aus leichten Tannenbrettern
Zimmerte den Hüttenkahn,
Der vom Neckar sie zum Rheine
Trug, vom Rhein zum Ozean;
Der, ein Greis, sich schweren Herzens
Losriß vom ererbten Grund;
Der da sagte: „Laßt uns ziehen!
Laßt uns schließen einen Bund!“

Der da sprach: „Brecht auf nach Abend!
Abendwärts glüht Morgenrot!
Dorten laßt uns Hütten bauen,
Wo die Freiheit hält das Lot!
Dort laßt unsern Schweiß uns säen,
Wo, kein totes Korn, er liegt!
Dort laßt uns die Scholle wenden,
Wo die Garben holt, wer pflügt!

Lasset unsern Herd uns tragen
In die Wälder tief hinein!
Lasset mich in den Savannen
Euren Patriarchen sein!
Laßt uns leben wie die Hirten
In dem Alten Testament!
Unsres Weges Feuersäule
Sei das Licht, das ewig brennt!

Dieses Lichtes Schein vertrau‘ ich,
Seine Führung führt uns recht!
Selig in den Enkeln schau‘ ich
Ein erstandenes Geschlecht!
Sie – ach, diesen Gliedern gönnte
Noch die Heimat wohl ein Grab!
Um der Kinder willen greif‘ ich
Hoffend noch zu Gurt und Stab.

Auf darum, und folgt aus Gosen
Der Vorangegangenen Spur!“ –
Ach, er schauete, gleich Mosen,
Kanaan von ferne nur.
Auf dem Meer ist er gestorben,
Er und seine Wünsche ruhn;
Der Erfüllung und der Täuschung
Ist er gleich enthoben nun!

Ratlos die verlaßne Schar jetzt,
Die den Greis bestatten will.
Scheu verbergen sich die Kinder,
Ihre Mütter weinen still.
Und die Männer schaun beklommen
Nach den fernen Uferhöhn,
Wo sie fürder diesen Frommen
Nicht mehr bei sich wandeln sehn.

„Von den Segeln tropft der Nebel,
Auf den Buchten zieht der Duft!
Betet! laßt die Seile fahren!
Gebt ihn seiner nassen Gruft!“
Tränen fließen, Wellen rauschen,
Gellen Schreis die Möwe fliegt;
In der See ruht, der die Erde
Fünfzig Jahre lang gepflügt.


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