Gedichte Die Polen sollen leben

(Neujahrsnacht 1835.)

Zu Hamburg in dem Saale,
Voll Lichterglanz und Pracht,
Sitzt mancher Gast beim Mahle
In heil’ger Neujahrsnacht;
Die Fremden sind’s, sie wären gern
Im Vaterland, doch das ist fern,
Nun wird denn sein gedacht.

Erst haben sich die Gäste
Kalt in’s Gesicht geschaut,
Doch werden sie bei’m Feste
Bald froh und wohlvertraut.
Nur Einer, welchen Niemand kennt,
Blickt stumm in’s Licht, wie’s niederbrennt,
Jung, aber schon ergraut.

Ihm dünken sie Gespenster
In ihrer Lust zu sein;
Er kehrt sich ab; in’s Fenster
Wirft hell der Mond den Schein.
Er spricht: du überschaust die Welt,
So sag‘, ob Polen steht, ob fällt! –
Die Wolke hüllt ihn ein.

Sein Herz will zornig wallen,
Da schwört er still sich zu:
Magst steh’n, mein Volk, magst fallen,
Ich steh‘ und fall‘, wie du!
Gewiß der Erste, wär‘ ich dort,
Der Letzte hier am fremden Ort,
Mein Dolch bringt mich zur Ruh.

Der Glockenthurm thut eben
Die zwölfte Stunde kund,
Die Polen sollen leben!
Ruft er mit lautem Mund.
Ein Jeder greift, wie er, zum Glas,
Sie All‘ erglüh’n, doch er sinkt blaß
Zurück, ist todt zur Stund‘.

Sie gießen, statt zu trinken,
Den Wein jetzt in den Sand;
Sie sah’n das Schicksal winken
Und haben’s wohl erkannt,
Daß Polen bald dem Todten gleicht,
Doch Keiner ahnt, wie bald vielleicht
Die Welt dem Polenland.


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