Nietzsche
„Pia, caritatevole, amoresissima“
Auf dem campo santo O Mädchen, das dem Lamme Das zarte Fellchen kraut, Dem Beides, Licht und Flamme, Aus beiden…
Rimus remedium
Oder: Wie kranke Dichter sich trösten. Aus deinem Munde, Du speichelflüssige Hexe Zeit, Tropft langsam Stund‘ auf Stunde. Umsonst, dass…
Die kleine Brigg, genannt „das Engelchen“
Engelchen: so nennt man mich – Jetzt ein Schiff, dereinst ein Mädchen, Ach, noch immer sehr ein Mädchen! Denn es…
Mein Glück!
Die Tauben von San Marco seh ich wieder: Still ist der Platz, Vormittag ruht darauf. In sanfter Kühle schick‘ ich…
Lied des Ziegenhirten
An meinen Nachbar Theokrit von Syrakusä Da lieg ich, krank im Gedärm – Mich fressen die Wanzen. Und drüben noch…
Verzweiflung
Von Ferne tönt der Glokkenschlag, Die Nacht, sie rauscht so dumpf daher. Ich weiß nicht, was ich tuen mag; Mein…
Sils-Maria
Hier sass ich, wartend, wartend, – doch auf Nichts, Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts Geniessend, bald des…
Im deutschen November
Dies ist der Herbst: der – bricht dir noch das Herz! Fliege fort! fliege fort! – Die Sonne schleicht zum…
Nach neuen Meeren
Dorthin – will ich; und ich traue Mir fortan und meinem Griff. Offen liegt das Meer, in’s Blaue Treibt mein…
Narr in Verzweiflung
Ach! Was ich schrieb auf Tisch und Wand Mit Narrenherz und Narrenhand, Das sollte Tisch und Wand mir zieren?… Doch…
Die Bösen liebend
Ihr fürchtet mich? Ihr fürchtet den gespannten Bogen? Wehe, es könnte Einer seinen Pfeil darauf legen! Ach, meine Freunde? Wohin…
Im Süden
So häng ich denn auf krummem Aste Und schaukle meine Müdigkeit. Ein Vogel lud mich her zu Gaste, Ein Vogelnest…
Jenseits der Zeit
Diese Zeit ist wie ein krankes Weib Laßt sie nur schreien, rasen, schimpfen und Tisch und Teller zerbrechen. Umhergetrieben, aufgewirbelt…
Klage der Ariadne
Wer wärmt mich, wer liebt mich noch? Gebt heisse Hände! gebt Herzens-Kohlenbecken! Hingestreckt, schaudernd, Halbtodtem gleich, dem man die Füsse…
Das Honig-Opfer
Bringt Honig mir, eis-frischen Waben-Goldhonig! Mit Honig opfr‘ ich Allem, was da schenkt, Was gönnt, was gütig ist–: erhebt die…
Letzter Wille
So sterben Wie ich ihn einst sterben sah -, Den Freund, der Blitze und Blicke Göttlich in meine dunkle Jugend…
Am Gletscher
Um Mittag, wenn zuerst Der Sommer in’s Gebrige steigt, Der Knabe mit den müden, heißen Augen: Da spricht er auch,…
Das Unvergängliche
Das Unvergängliche Ist nur dein Gleichnis! Gott, der Verfängliche, Ist Dichter-Erschleichnis… Welt-Rad, das rollende, Streift Ziel auf Ziel: Not –…
Unter Töchtern der Wüste
1. „Gehe nicht davon! sagte da der Wanderer, der sich den Schatten Zarathustras nannte, bleibe bei uns, – es möchte…
Schopenhauer
Was er lehrte, ist abgetan; Was er lebte, wird bleiben stahn; Seht ihn nur an – Niemandem war er untertan!
Dichters Berufung
Als ich jüngst, mich zu erquicken, Unter dunklen Bäumen sass, Hört‘ ich ticken, leise ticken, Zierlich, wie nach Takt und…
Baum im Herbste
Was habt ihr plumpen Tölpel mich gerüttelt Als ich in seliger Blindheit stand: Nie hat ein Schreck grausamer mich geschüttelt…
Gebet in die „Morgenröte“
Ach, so gebt doch Wahnsinn, Ihr Himmlischen, Wahnsinn, dass ich endlich An mich selber glaube! Gebt Delirien und Zuckungen, Plötzliche…
Beim Anblick eines Schlafrocks
Kam, trotz schlumpichtem Gewande, Einst der Deutsche zu Verstande, Weh‘, wie hat sich Das gewandt! Eingeknöpft in strenge Kleider Überließ…
Von der Armut des Reichsten
Zehn Jahre dahin -, Kein Tropfen erreichte mich, Kein feuchter Wind, kein Thau der Liebe – ein regenloses Land… Nun…
Sonnen-Bosheit
Bei abgehellter Luft, Wenn schon des Thaus Tröstung Zur Erde nieder quillt, Unsichtbar, auch ungehört – denn zartes Schuh werk…
An Hafis
Frage eines Wassertrinkers Die Schenke, die du dir gebaut, ist größer als jed Haus, Die Tränke, die du drin gebraut,…
Nur Narr! Nur Dichter!
Bei abgehellter Luft, Wenn schon des Thau’s Tröstung Zur Erde niederquillt, Unsichtbar, auch ungehört – denn zartes Schuhwerk trägt Der…
Liebeserklärung
(bei der aber der Dichter in eine Grube fiel -) Oh Wunder! Fliegt er noch? Er steigt empor, und seine…
Die Sonne sinkt
1. Nicht lange durstest du noch, verbranntes Herz! Verheissung ist in der Luft, Aus unbekannten Mündern bläst mich’s an –…
Der Einsiedler spricht
Gedanken haben? Gut!– so sind sie mein Besitz. Doch sich Gedanken machen, –das verlernt‘ ich gern! Wer sich Gedanken macht–der…
Der ‚ächte Deutsche‘
‚Ô peuple des meilleurs Tartuffes, Ich bleibe dir treu, gewiß!‘ — Sprach’s, und mit dem schnellsten Schiffe Fuhr er nach…
Prinz Vogelfrei
So hang ich denn auf krummem Aste Hoch über Meer und Hügelchen: Ein Vogel lud mich her zu Gaste Ich…
Der Einsame
Verhaßt ist mir das Folgen und das Führen. Gehorchen? Nein! Und aber nein – Regieren! Wer sich nicht schrecklich ist,…
Die Weltmüden
Denkendere Zeiten, zerdachtere Zeiten Als unser Heut und Gestern ist Ohne Weiber, schlecht genährt Und ihren Nabel beschauend — des…
Das nächtliche Geheimniss
Gestern Nachts, als Alles schlief, Kaum der Wind mit ungewissen Seufzern durch die Gassen lief, Gab mir Ruhe nicht das…
Mein Herz ist wie ein See so weit
Mein Herz ist wie ein See so weit, Drin lacht dein Antlitz sonnenlicht In tiefer süßer Einsamkeit, Wo leise Well…
Das Feuerzeichen
Hier, wo zwischen Meeren die Insel wuchs, Ein Opferstein jäh hinaufgethürmt, Hier zündet sich unter schwarzem Himmel Zarathustra seine Höhenfeuer…
Das Wort
Lebendgem Worte bin ich gut: Das springt heran so wohlgemut, Das grüßt mit artigem Geschick, Hat Blut in sich, kann…
Das trunkne Lied
O Mensch! Gib acht! Was spricht, die tiefe Mitternacht? „Ich schlief, ich schlief -, Aus tiefem Traum bin ich erwacht:…
An den Mistral
Ein Tanzlied Mistral-Wind, du Wolken-Jäger, Trübsal-Mörder, Himmels-Feger, Brausender, wie lieb ich dich! Sind wir zwei nicht Eines Schoßes Erstlingsgabe, Eines…
Schafe
Den Adler seht! sehnsüchtig starr Blickt er hinab in den Abgrund, In seinen Abgrund, der sich dort In immer tiefere…
Alt Mütterlein
In Sonnenglut, in Mittagsruh Liegt stumm das Hospital; Es sitzt ein altes Mütterlein, Am Fenster bleich und fahl. Ihr Aug‘…
Gruß
Ihr Vöglein in den Lüften, Schwingt mit Gesang euch fort Und grüßet mir den teuren, Den lieben Heimatsort! Ihr Lerchen,…
Vogel Albatross
O Wunder! Fliegt er noch? Er steigt empor und seine Flügel ruhn! Was hebt und trägt ihn doch? Was ist…
Vogel – Urtheil
Als ich jüngst, mich zu erquicken, Unter dunklen Bäumen sass, Hört‘ ich ticken, leise ticken, Zierlich, wie nach Takt und…
Die kleine Hexe
So lang noch hübsch mein Leibchen, Lohnt sichs schon, fromm zu sein. Man weiss, Gott liebt die Weibchen, Die hübschen…
Diesen ungewissen Seelen
Diesen ungewissen Seelen Bin ich grimmig gram. All ihr Ehren ist ein Quälen, All ihr Lob ist Selbstverdruss und Scham….
Ruhm und Ewigkeit
1. Wie lange sitzest du schon auf deinem Missgeschick? Gieb Acht! du brütest mir noch ein Ei, ein Basilisken-Ei Aus…
An die deutschen Esel
Dieser braven Engeländer Mittelmäßige Verständer Nehmt ihr als ‚Philosophie‘? Darwin neben Goethe setzen Heißt: die Majestät verletzen — Majestatem Genii!…
Der neue Columbus
Freundin! – sprach Columbus – traue Keinem Genueser mehr! Immer starrt er in das Blaue – Fernstes lockt ihn allzusehr!…
Vereinsamt
Die Krähen schrein Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnein. – Wohl dem, der jetzt noch Heimat…
Zwischen Raubvögeln
Wer hier hinabwill, Wie schnell Schluckt den die Tiefe! – Aber du, Zarathustra, Liebst den Abgrund noch, Thust der Tanne…