Gedichte Kein schöner Ding ist auf der Welt

Als seine Feinde zu beißen

I

Kein schöner Ding ist auf der Welt,
Als seine Feinde zu beißen,
Als über all die plumpen Geselln
Seine lustigen Witze zu reißen.

So dacht ich und stimmte die Saiten schon:
Da ward ich versetzt in Ruhstand.
Aus war der Spaß; die heil’ge Stadt Köln
Ward erklärt in Belagerungszustand.

Von Bajonetten starrte die Stadt
Wie ein Stachelschwein. Rings um den Neumarkt
Wogten die preußischen Erzengel bis
Zum Hahnentor und zum Heumarkt.

Und ein Leutnant zog vor unsere Tür
In kriegerischer Begleitung
Und proklamierte trommelnd den Tod
Der Neuen Rheinischen Zeitung. –

Da griff ich zum Stab, und ich eilte fort,
Die Brust voller Kummer und Ärger.
Zu Herrn Soherr nach Bingen floh ich; dort trinkt
Man vorzüglichen Scharlachberger.

Herr Soherr, der ist ein fröhlicher Mann,
Und im ganzen Lande wird sich
Kein Scharlachberger finden wie der
Des Herrn Soherr von sechsundvierzig.

Herr Soherr ist vierundsechzig alt,
Und sein Wein ist von sechsundvierzig;
Er duftet nach Veilchen und Rosen und schmeckt
Wie die Liebe erquickend und würzig.

II

Herr Soherr wohnt im weißen Roß –
(Daß ich je ihn verließ, ich bereu es) –
„Willkommen!“ so sprach er, „mein lieber Herr Weerth,
Willkommen! was haben Sie Neues?

Sie sehn so verstört und so flüchtig aus
Wie ein Mann ohne Geld und Courage.
Wie kommt’s, daß Sie reisen im schwarzen Frack?
Wo ließen Sie Ihre Bagage?

Sie haben gewiß in Ems gespielt!
Oder haben Sie sich duellieret?
Oder haben Sie gar zu Köln am Rhein
Sich politisch kompromittieret?“

„Mein Vater Soherr!“ versetzte ich da,
„Erbärmlich sind die Zeiten.
Doch kompromittier ich mich nie, denn das
Überlaß ich anderen Leuten.

Mit schönen Fraun hab ich lieber zu tun
Als mit schönen preuß’schen Soldaten.
Und als ich am Lurlei vorüberkam:
Da war ich verkauft und verraten.

Ich sah sie sitzen, die nackte Fee,
Und ich hörte ihr lüsternes Singen;
Und mit Koffer und Reisesack sank ich hinab,
Ihren wonnigen Leib zu umschlingen.

Das war eine Barrikadenschlacht
Auf ihren schneeweißen Brüsten!
Mit heiler Haut kam ich eben davon,
Doch verlor ich Koffer und Kisten -„

Da lachte Herr Soherr und zeigte mir
Seinen letzten Zahn – alleine
Steht der in seiner Kinnlade wie
Der Mäuseturm im Rheine.

III

Und im Morgendufte wandelten wir
Durch die herbstlichen Rebenlauben,
Es rauschte märchenmurmelnd der Rhein –
Rubinfarben glühten die Trauben.

„In Köln war wirklich ein arger Skandal -„,
Begann ich zum alten Herrn Soherr,
„Barrikaden kamen in Masse, man wußt
Bei Gott nicht, von wannen und woher.

Sie wurden im Nu emporgebaut
Von Händen, energischen, raschen,
Aus Dombausteinen und Kirchenstühln
Und aus ausgetrunkenen Flaschen.

Es wehte die Fahne der Republik,
Und ein Tag war’s, ein fürchterlicher.
Steckbrieflich werden die Häupter verfolgt,
Kein ehrlicher Mann ist mehr sicher.

Die Insurgenten wurden verjagt,
Und proklamiert ward eilig das Standrecht;
Das ist wahrhaftig noch schlimmer als
Das alte preußische Landrecht.

Herr Engels, der ist Diktator von Köln,
Bis wieder die Sonne der Ruh scheint;
Der Stadtkommandant, Herr Engels, der hat
Die Bürgerwehr Kölns entkuhbeint.

Geschlöffelt wird, wer sich rührt oder regt,
Gehangen, gebraten, gesotten –
Wohl werd ich mich hüten, Herrn Engels mit
Meinem Lästermund zu verspotten.

Er würde mich packen mit schrecklicher Faust
Und würde zu Tode mich schießen
Mit seinem groben Geschütze, und ach,
Das würde mich sehr verdrießen.

Wie einen Krammsvogel würde er mich
An den grauen Domkranen hangen –
Doch die Krammsvögel lassen am besten sich
In den Nebeln des Herbstes fangen.

Und Krammsvögel schmecken vortrefflich gut
Mit buttergeröstetem Brote –
O himmlischer Vater, laß manche mich
Noch essen vor meinem Tode!“

IV

Da standen wir auf den Hügeln, und
Romantisch ward mir zumute –
Politische Freunde müssen dies
Gefälligst mir halten zugute.

Und ich sang: „Was mag es bedeuten doch,
Daß ich o so traurig binne?
Ein Mädchen aus alten Zeiten, ach,
Das kommt mir nicht aus dem Sinne!“

Da fiel Herr Soherr mir eilig ins Wort:
„Nicht ein Mädchen – ein Märchen! sagt Heine!“
Und zusammenschrak ich, und mein Verstand
Kam wiederum auf die Beine.

„Der Stadtkommandant, Herr Engels, der hat
Die Macht jetzt, die materielle.
Doch Herr Joseph DuMont in Köln, der besitzt
Die intellektuelle.

Denn die Kölnische Zeitung ist einzig allein
Der Unterdrückung entgangen;
Die andern Blätter wurden verpönt,
Gebraten, gesotten, gehangen.

Die Kölnische Zeitung ward lang redigiert
Mit Rotstift und Schere, nicht ohne
Talent von der alten Frau DuMont, doch
Die starb, und Joseph, dem Sohne,

Überließ sie das hübsche Annoncengeschäft,
Und Joseph ist reich geworden
An den Gütern des Glücks und bekommt gewiß
Auch bald noch seinen Orden. –

Herr Joseph ist ein trefflicher Mann!
Bis zur Revolution noch schrieb ich
Unsterbliche Feuilletons für sein Blatt –
Und stets sein Verehrer blieb ich.

Doch wie sich manche Verbindung löst,
So ging auch unsre zu Ende,
Und das Feuilleton kam in Levy, des
Romantischen Schmules Hände.

Herr Levy schmult das Feuilleton;
Doch mit ‚breitgeschnittener Feder‘
Die Leitartikel Herr Brüggemann schreibt –
Die weiß zu schätzen ein jeder.

Herr Levy und Herr Brüggemann,
Die schreiben mit Anstand und Sitte –
Ein borstig, niedrigstirniger Kerl
Ist in dem Bunde der dritte.

Ein Pommer zwar von Geburt, überragt
Er doch noch Herrn Wolffers, ich finde,
Daß dieser ein Belgier ist – o Gott,
Vergib mir meine Sünde!

Ein Levy und ein Brüggemann,
Ein Flandre und ein Kalmücke:
Die sind’s, so erleuchten die Rheinprovinz
Mit ungewöhnlichem Glücke!

O Joseph, wie preis ich glücklich dich,
Du hast, was die Erde bietet:
Du hast dir für dein gutes Geld
Die vier besten Kerle gemietet!

Ja, lieber Herr Soherr, glauben Sie dreist
An des Vaterlandes Genesung,
Solang noch die Kölnische Zeitung sprießt
Aus der allgemeinen Verwesung.

Verwesungsrüchig noch manches Jahr
Wird sie duften vom Pol zum Äquator,
Wenn längst verschwunden Sie und ich
Und Herr Engels, der köln’sche Diktator.

Der Brite Coleridge roch zu Köln
An die siebzig verschiedne Gerüche;
Darunter gewiß auch den Gestank
Aus Josephs politischer Küche.“

V

Da klang durch die Berge ein Posthorn hell;
Es klang immer lust’ger und froher.
„Das ist, ich wette, der Postillon
Von Lonjumeau, lieber Herr Soherr!“

Doch Soherr spitzte sein Ohr und sprach:
„Sie irren sich! An den hellen
Tönen, da hör ich, es ist die Post,
Die kommt von der heil’gen Stadt Köllen!

Die bringt uns die Kölnische Zeitung.“ – Und
Mein Jubel, der wollte nicht enden.
Und wahrlich, nach zehn Minuten hielt
Ich das teure Blatt in den Händen.

Und freute mich, daß die ehrliche Stadt
Noch steh auf demselben Flecke
Und daß man noch Piesporter trinke daheim
Zu köstlichem Schnepfendrecke.

Und daß die Bevölkrung sich keineswegs
Über all ihr Mißgeschick härme,
Ja, daß man für die Soldaten jetzt
Wie für kleine Mädchen schwärme.

Und daß die Heuler am Leben noch
Und die Wühler gekrochen zu Kreuze,
Daß der Herr Joseph gesund noch – und obenauf
Seine vier literarischen Käuze.

Daß Herr Levy noch schreibe die Feuilletons,
Daß der Witz des Herrn Wolffers nicht holpre
Und daß der Herr Brüggemann wieder herum
Auf dem alten Rechtsboden stolpre.

Ja, die Kölnische las ich! Drin annonciert
Zitrone und Pumpernickel –
In ihren Annoncen ist’s, wo sie gibt
Ihre besten polit’schen Artikel.

Bescheidenheit ist’s, daß stets sie versteckt
Ihr Bestes nur produzieret –
Die Rheinische trug es frech auf der Stirn,
Drum ward sie suspendieret.

Die arme Rheinische – ach! schon tot!
Doch wartet: Empor einst rütteln
Wird die zur Hölle Gefahrene sich
Und keck ihre Locken schütteln.

Ja, schüttelnd ihr ambrosisch Gelock,
Wird hoch zu Gerichte sie sitzen:
Zu spielen mit ihrem Donnerkeil
Und mit ihren schlechten Witzen.

VI

So sprachen wir wohl; und Soherr, mein Freund,
Viel köstliche Späße machte.
Der junge Herr Morgen verschiedenemal
Seine herzlichen Tautränen lachte.

Und ein Lüftchen wehte von Rüdesheim
Und kräuselte über die Wellen
Und küßte am Strande des Herbstes Blum
Und die Trauben, die dunklen und hellen,

Und schwang sich bergan, und es tönte leis
Die Äolsharfe wieder –
Und es war mir, als sänge der Geister Chor
Ein Lied aus dem „Buche der Lieder“.

Aus deinem Buche, du kranker Schwan,
Der du mußtest die Tage verbringen
Im Exile, indes der Heimat Höhn
Von deinem Ruhme klingen. –

Doch Herr Soherr sprach: „Ich glaube, es ist
Am besten, wir steigen zu Tale
Und frühstücken Austern und Kaviar,
Oder Käse, oder Lachs, oder Aale.

Ich gebe Ihnen ein gutes Glas
Von einer verständigen Sorte.“ –
Sprach’s. – Und ich erkannte den tiefen Sinn
Dieser höchst gewichtigen Worte.

Und der Keller erschloß sich. Und balde war’n
Wir in sehr erfreulicher Andacht;
Und nicht an Herrn Engels und nicht an Köln,
Sondern nur an den Wein jedermann dacht.

Und sangen: O Jerum, Jerum, Je!
Und lagen uns in den Armen.
Hosianna! – Da flogen die Türen auf,
Und herein traten zwei Gendarmen. – –

VII

Gendarmen hasse ich wie die Pest;
Ich hasse sie mehr als Spinnen,
Als grüne Seife – Du lieber Gott,
Was soll ich nun beginnen!

Der eine zog ein Signalement
Aus seiner schäbigen Tasche.
Und mich betrachtend mit stierem Blick,
Begann er zu murmeln rasche:

„Fünf Fuß, zehn Zoll – die Haare blond –
Olympisch gewölbt die Stirne –
Ein roter Bart – Statur ist schlank –
Kennzeichen: Viel Gehirne. –

Auch macht er Verse – spricht kein Latein
Blaß ist er wie große Geister –
Die Zähne sind gut – – Verehrter Herr,
Ohne Umschweife viel: wie heißt er?“

Da hob ich mich würdig empor und sprach:
„Ich heiße Charlemagne!
Wollhändler bin ich in Aachen und trink
Recht gerne den Wein der Champagne.

Ich spekuliere in Trüffeln und Öl,
Mein Bankier empfängt mich prächtig.“
Da sprach der erste Gendarme: „Mein Herr,
Dies ist ausnehmend verdächtig!“

Ich aber fuhr fort: „Auch Spiritus
Verkauf ich von hoher Reinheit,
Nahm Aktien auf jede Luftschiffahrt
Sowie auf die deutsche Einheit.

Bei Tage besorge ich mein Geschäft,
Doch nachts, da treibe ich Späße.“ –
Da sprach der zweite Gendarme: „Mein Herr,
Wo haben Sie Ihre Pässe?“

„Meinen Paß! Meinen Paß! – Oh, wollen Sie nicht
Sich gütigst ein wenig setzen?
Oh, trinken Sie doch einen Becher Wein,
Das würde mich sehr ergetzen!

Mein Paß! Mein Paß! – Ach leider ist
Er gescheitert am Lurlei neulich.
Oh, trinken Sie doch einen Becher Wein,
Das wäre mir sehr erfreulich!“

Und dein gedacht ich und deiner Tat,
Odysseus, du ränkevoller!
Und meine beiden Zyklopen ließ
Ich saufen toller und toller.

Und lobte die deutsche Zentralgewalt
Und Herrn Engels, den Stadtkommandanten,
Und sagte, Herr DuMont gehöre zu
Meinen allerbesten Bekannten.

Und pries Herrn Levy und Brüggemann
Und Herrn Wolffers und all die andern
Und schimpfte wie ein Rohrsperling
Auf die Republikaner von Kandern.

Und sagte: es freue mich ungemein,
Daß die Rheinische Zeitung erdrückt sei
Und daß der Putsch von Frankfurt und Köln
So wunderherrlich mißglückt sei.

Und sagte: mein lieber Herr Vetter sitz
Im Parlament auf der Rechten
Und stimme mit Jahn und mit Radowitz,
Des Volkes Heil zu erfechten.

Und meinte: die Linke in Berlin
Und in Frankfurt sei wert, daß sie hänge,
Und nahm das Glas und sang, daß es klang,
Ein Dutz‘ patriot’scher Gesänge.

Und versicherte: Köln befinde sich wohl
Bei seinem Belagerungszustand. –
Da schwieg ich – – die beiden Zyklopen war’n
In dem komfortabelsten Zustand.

Sie schnarchten, wie einst das Volk geschnarcht,
Das deutsche, und ihre Beine
Und Arme, die starrten regungslos
Von Schlaf und süßem Weine.

VIII

Sie schliefen. – So schlief auch Polyphem;
Und geblendet ward der Riese
Durch den herrlichen Dulder Odysseus. Soll
Ich jetzo blenden auch diese?

Ja, soll ich mit glühendem Korkzieher euch
Die glotzigen Augen ausdrehen?
Kein unsterblicher Gott, ja, kein Hahn und kein Huhn
Würde je wieder danach krähen.

Denn wahrlich, Poseidons Söhne nicht,
Des bläulich gelockten, seid ihr –
Der Meergott schiert sich den Teufel um euch –
Zwei gemeine Gendarmen seid beid ihr!

Er wird den Dampfer zertrümmern nicht,
Wenn ich jetzt mich entferne von Bingen. –
O Phöbus Apollo, laß meine Flucht,
O laß sie gelingen, gelingen! –

Und ausdrücklich bemerk ich, daß rücksichtsvoll
Ich nicht geblendet die beiden.
Doch dem alten Soherr sprang ich sofort
An den Hals und jauchzte vor Freuden:

„Ade, Herr Soherr! Der Wein war gut,
Vorüber ist all mein Ärger!
Und lange noch werde ich denken an
Euern göttlichen Scharlachberger.

Ade! Euer Wein war trefflich; und
Ihn preis ich nach allen Winden –
Einst wird auch schlagen unsere Stund,
Da wird sich alles finden.“


Gedichte Kein schöner Ding ist auf der Welt - Weerth