Gedichte Ich wohnte unter vielen vielen Leuten

Ich wohnte unter vielen vielen Leuten
Und sah sie alle tot und stille stehn,
Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden
Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn;
So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden
Und jeden hab‘ ich einmal nur gesehn,
Denn nimmer hielt mich’s, flüchtiges Geschicke
Trieb wild mich fort, sehnt‘ ich mich gleich zurücke.

Und manchem habe ich die Hand gedrücket,
Der freundlich meinem Schritt entgegensah,
Hab‘ in mir selbst die Kränze all gepflücket,
Denn keine Blume war, kein Frühling da,
Und hab‘ im Flug die Unschuld mit geschmücket,
War sie verlassen meinem Wege nah;
Doch ewig ewig trieb mich’s schnell zu eilen,
Konnt‘ niemals nicht des Werkes Freude teilen.

Rund um mich war die Landschaft wild und öde,
Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein,
Kein kühler Wind durch dunkle Wipfel wehte,
Es grüßte mich kein Sänger in dem Hain;
Auch aus dem Tal schallt keines Hirten Flöte,
Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein.
Ich hörte in des Stromes wildem Brausen
Des eignen Fluges kühne Flügel sausen.

Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen,
Senkt‘ ich ins Herz mit Allgewalt den Blick;
Doch nimmer konnt‘ es eigne Ruhe finden,
Kehrt‘ trübe in die Außenwelt zurück,
Es sah wie Traum das Leben unten schwinden,
Las in den Sternen ewiges Geschick,
Und rings um mich ganz kalte Stimmen sprachen:
„Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen.“

Ich sah sie nicht die großen Süßigkeiten,
Vom Überfluß der Welt und ihrer Wahl
Mußt‘ ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten.
Hinabgedrückt von unerkannter Qual,
Konnt‘ nimmer ich den wahren Punkt erbeuten
Und zählte stumm der Flügelschläge Zahl,
Von ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen
In weite weite Ferne hingezogen.

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Gedichte Ich wohnte unter vielen vielen Leuten - Brentano