Gedichte Die Winde

Nach dem Amerikaner William Cullen Bryant

Ihr ungesehnen Ströme durch die Luft,
Wie triebt ihr eben froh noch euer Spiel;
Ihr trugt die Biene, trugt der Blume Duft,
Und wehtet heiße Mädchenwangen kühl;
Ihr jagtet Wölkchen durch der Feste Blau;
Von welken Blumen klopftet ihr den Tau;
Wie Schneegestöber – o der prächt’gen Schau! –
Katalpablüten risset ihr vom Stiel.

Jetzt aber brüllt ihr wie der Katarakt,
Rast wie die Brandung, die ans Ufer prallt;
Die Berge zittern, wie von Furcht gepackt,
Und euch zu Füßen krachend stürzt der Wald.
Vor euch, wie Adler, jagt der Wolken Flucht;
Auf Haus und Hütte wirft sich eure Wucht;
Wie trocknes Herbstlaub in der öden Schlucht
Hebt und zerbricht sie eures Zorns Gewalt.

Die Vögel flattern, ängstlich und verwirrt;
Umsonst! zu Tode schmeißt sie eure Wut.
Der Regen rasselt, und ein Strombett wird
Ringsum das Feld, soweit die Ernte ruht.
Gießbäche taumeln von der Hügel Höh‘,
Das Dorf ertrinkt, die Ebne wird zum See,
Und banger Stimmen herzzerreißend Weh
Erhebt sich jammernd aus der wüsten Flut.

Ihr saust aufs Meer; – da werden Männer bleich;
Wohin ihr donnert, Angstruf und Gebet.
Ihr schlagt die Wasser, einem Vogel gleich,
Der lustig badend in der Quelle steht.
Ihr reißt entzwei den Mast und seine Fahn‘;
Bis auf den Grund peitscht ihr den Ozean;
Berghohe Wellen sprüht ihr himmelan,
Und Trümmer sind’s, was ihr zur Küste weht!

Wozu dies Toben? – Für die Freiheit nicht
Zu ringen braucht ihr, daß ihr also tollt;
Ihr braucht kein Erz zu rütteln, bis es bricht;
Ihr regt die Schwingen, wie und wo ihr wollt.
Ja, freigeboren weht ihr überall;
Frei wühlt ihr auf der Tiefe Wogenschwall;
Wälder und Wüsten füllt ihr an mit Schall,
Dazu die Inseln, die das Meer umrollt!

Wohl seid ihr stark! – Doch in Europa liegt,
Weh ihr, in Ketten eine stärkere Kraft;
Auf Thronen sitzt, was ihren Nacken biegt,
Und überwacht mit Zittern ihre Haft.
Und Krieger stehn in Waffen um sie her;
Wenn sie empor will, ziehn sie mitleidsleer
Die Bande fester, heben hoch den Speer –
Tod ihre Strafe, wenn sie auf sich rafft!

O, wenn einst sie, wenn der gekränkte Geist
Der Menschheit einst auch drüben sich befreit;
Wenn seine Ketten jubelnd er zerreißt
Und seiner Hügel als ihr Herr sich freut –
O, nicht wie ihr zerstörend ras‘ er dann;
Mit Jammer nicht die Erde füll‘ er an;
Mit Blut nicht, das in Menschenadern rann,
Befleck‘ er wild der Erde Lieblichkeit!

Nein, wie der Frühling mög‘ er leis erstehn,
Der, was ihn fesselt, bricht mit sanfter Macht;
Wie Odem Gottes naht sein schaffend Wehn: –
Da springt das Eis, der Born entquillt dem Schacht!
Aus dunklem Kerker schießt die Blum‘ in Hast;
Der Wald erklingt nach langer, dumpfer Rast;
Morgen und Abend, sich begegnend fast,
Erdrücken zwischen sich die alte Nacht.
St. Goar, Januar 1843.

II.

’s ist ein Bestreben, herb und mühevoll,
Das brennende Wort zu halten in den Schranken,
Und in der Seele dunkler Urne Groll
Und Zorn zu häufen – selber den Gedanken
Zu einem Schatze machend, der nur dann
Mit kühnem Spruch gehoben werden kann,
Wenn Nacht und Schlaf und Schatten niedersanken.
Ich trug es nicht! –
Felicia Hemans,
Das Waldheiligtum


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