Gedichte Hohes Wasser

Hallo, nun drücke sich, wer zagt!
Austritt der Rheinstrom mit Gebrause,
Schießt in die Gassen ungefragt
Und macht sich breit vor jedem Hause!
Pocht an die Türen, stürmt den Herd –
Da hilft kein Dämmen und kein Stauen!
Er will dem Städtchen, das er nährt,
Auch einmal in die Stunden schauen!

Die braune Bergwand allerwärts
Schickt ihm ihr dunkelgelb Gerinnsel:
Komm, tritt ans Fenster, liebes Herz –
Sieh, unser Haus auch ward zur Insel!
Doch guten Muts! Ob hier und dort
Die Flut auch auf die Treppen springe:
Zu hoch am Fels doch liegt der Ort,
Als daß es uns ans Leben ginge!

Sieh, an der Mauer dort das Merk:
Nicht, Lieb, du kannst den Strich gewahren?
Dort hemmte sein Zerstörungswerk
Der alte Rhein vor sechzig Jahren!
Da, wahrlich, übt‘ er strengern Brauch,
Wie hoch der Schaum auch diesmal fliege!
Da riß er meine Mutter auch
Mit sich als Kind in ihrer Wiege!

Doch da sogar, sieh nur den Strich,
Blieb unser Stand hier ungefährdet!
Drum auf, lieb Herz, und fasse dich,
Wie auch die Schneeflut sich gebärdet!
Drum guten Muts! Gib mir die Hand!
Glaub‘ mir, der Strom wird uns verschonen!
Gott schütze nur das Niederland,
Und die in seiner Fläche wohnen!

Du stimmst mir bei, du bist getrost!
Und doch – aufs neue siehst du trübe!
Nicht mehr die Flut, die uns umtost –
Ich weiß, was sonst dich ängstigt, Liebe!
Dir ahnt, daß eine andreFlut
Bald unsre Herdstatt überschwemme –
Ich selber ja mit dreistem Mut
Öffn‘ ihr die Schleusen und die Dämme!

Das offne Wort, das kühn und frei
Aufriefe gern zu offnen Taten;
Das ehrlich zürnt und ohne Scheu –
Das sticht sie durch mit keckem Spaten.
Das gibt Gewalt dem breiten Strahl,
Aus diesen liebgewordnen Räumen,
Aus diesem ganzen prächt’gen Tal
Auf und von dannen uns zu schäumen!

Wohin? – noch weiß es Gott allein –
Doch bin ich freudig und ergeben!
Und du auch, Liebe, sollst es sein:
Auch solche Springflut hört zum Leben!
Sie jagt es auf, sie frischt es an,
Sie hütet es vor dumpfem Stocken –
Drum ohne Bangen in den Kahn,
Und gib dem Sturme deine Locken!

So recht! – Am Steuer steh‘ ich dreist,
Und lasse kühl die Welle branden!
Ob hier und dort ein Strick auch reißt –
Wir werden landen und nicht stranden!
Hell offen liegt vor uns die Welt,
Ich bin gerecht in vielen Sätteln:
Solange Faust und Schädel hält,
Du Liebe, brauch‘ ich nicht zu betteln!

Und halten werden beide mir,
Wär‘ es auch nur um deinetwillen!
Um deinetwillen für und für
Wird günst’ger Wind mein Segel füllen!
Wie Schiffe sanken, weil ihr Bord
Zuflucht gewährte einem Schlechten:
So weht das meine heil zum Port,
Dir zu Gefallen, der Gerechten!

Drum laß mich schaffen frank und flott,
Was ernst die Seele mir gebietet!
Frisch auf, noch lebt der alte Gott,
Wie auch die Welle steigt und wütet!
Recht so: dein Auge strahlt voll Mut!
Komm an mein Herz – Gott mit uns allen!
Und – sieh hinaus doch nach der Flut!
Ist sie nicht wirklich schon am Fallen?
St. Goar, Februar 1844.

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