Gedichte Coelius

I

Wer wird einst deinen süssen Namen wissen,
Wenn nicht mein Wille ihn in Wort geprägt?
Wenn ich ihn nicht in Elfenbein gelegt
Und mit dem Schattenspiel des Ruhms umrissen?

Einst wird man Wimpel auf dem „Coelius“ hissen!
Und Coelius heissen Kinder, die erregt
Ein Muttertraum zu Heldentaten wägt.
Und Coelius seufzt es zwischen tausend Küssen.

Dann wirst du längst im feuchten Grabe liegen,
Wo Mohn allein die trübe Tafel weist.
Ein Vogel wird sich auf der Weide wiegen,

Von fernen Tropen zwitschernd zugereist –
Um ihn von Spatz und Nachtigall ein Reigen –
Er geistert schillernd – Geist von deinem Geist.

II

Ich spielte kindlich in den dumpfen Mauern,
Der gaukelnde Genoss von Kröt und Wurm.
An meinen Händen tanzten Stab und Turm
Wie unsrer Dörfer trunkne Sonntagsbauern.

An allen Ecken sah ich Drachen lauern,
Bekämpfenswert wie ein Oktobersturm.
Die Kröte glotzte königlich. Der Wurm
Vermochte nur als Königssohn zu dauern.

Der Drache hob im Herbst sich in die Winde,
Der Turm ward Unterkunft der Metzgerei,
Und ein Gespenst entfuhr dem goldnen Kinde

Wie in der Mitternacht ein Katzenschrei.
Um meinen Scheitel schlang sich Rosenbinde –
Der Königsknabe freite um die Fei.

III

Du hieltest mir als holde Amorette
Die Himmelsleiter, die ich aufwärts stieg.
Du wusstest meine Worte, als ich schwieg,
Und schmiedetest mich an die Veilchenkette.

Wie oft ging ich mit einer Frau zu Bette,
Und es erscholl Schalmei und Mondmusik.
Wie jauchzte die Geliebte: Liebster, flieg,
Flieg, in den Krallen mich, zur Sonnenstätte,

Du Adler! – Aber eine kleine Hand
Hielt mich zurück, und ich vernahm ein Flüstern:
Bleib bei den Weibern fest – auf festem Land!

Sie haben Brüste! Atmen durch die Nüstern!
Und sind dem Blute blutend zugewandt…
Dir aber brennt ein Licht aus Himmelslüstern.

IV

Dich hat kein steifer Trunkenbold gezeugt,
Und keine Rabenmutter dich geworfen.
Du schliefst wie Kohle gluhend unter Torfen.
Dich hat ein Erdenseufzer erdgebeugt.

Du warst der Rehbock, der am Teich geäugt,
Als ich dahinsank, übersät mit Schorfen,
Ein wunder Wunderlicher – mit amorphen
Gebärden meiner Kinderqual gesäugt.

Ich bin dein Vater, deine müde Mutter.
Ich trug dich siebenundzwanzig Jahr im Schoss –
So wie wohl auf der Werft ein edler Kutter

Oft Monde liegt, eh man ihn löst und gross
Entwallt er auf dem Meere wie Perlmutter –
Du Grenzenloser – lieb mich grenzenlos.

V

Wer bist du, schöner Knabe, den beim Heuen
Die Mutter wohl von ihrer Brust verlor?
Du schreitest durch der Mittagssonne Tor,
Mit Lächeln das Lebendge zu erneuen.

Lass Mann und Jüngling sich am Bilde freuen,
Das seine starke Hand zum Heil erkor.
Schwinge im Kinderschwarm das Flötenrohr,
Mit Klängen die Genossen zu betreuen.

Ich bin dein Pferd. Du darfst auf meinem Rücken
Zu der erträumten Nacht der Nächte reiten,
In Flammenglut das schmale Holzschwert zücken!

Die ewigen Engel werden dich begleiten,
Den kleinen Kämpfer flügelnd zu beglücken,
Und ihn zum Siegesfest der Mannheit leiten.

VI

Zum letzten Male senke ich die Blicke
Zum Gruss vor einer schleierlosen Frau.
Zum letzten Male blinkt der Himmel blau;
Und um Verlornes schlingt sich Wind und Wicke.

Ich spür zwei sanfte Lippen im Genicke –
Sie schneiden heute wie mit Messern rauh.
Die Stadt im Tal erscheint im Abendtau,
Und leis am Abhang läuten Geis und Zicke.

Nun wallt die rote Dämmerung hernieder.
Die Stadt verliert die Türme in der Nacht.
In Blatt und Wolke lösen sich die Glieder.

Ich schliess die Augen, die so lang gewacht.
Ein Hund bellt an Staketen, weiss von Flieder.
Ein Stern ist über meiner Stirn entfacht.

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