Gedichte Zweyter Gesang

Leosthenes sah, daß die Burg mit Sturm
Schwer zu erobern war; Er gab demnach
Befehl, sie in den Brand zu stecken. Schnell
Warf der Ballist, statt Steinen, eine Saat
Von Klumpen griechschen Feurs17. – Wie, wenn Vesuv
Sein brennend Eingeweid hoch durch die Luft
Umher speyt, mit erschrecklichem Geräusch
Der Feuerregen in ein Feuermeer
Im Thal zusammenfließt, und weit das Feld
Mit laufenden und rothen Wellen deckt,
Daß sich das Wasser in den Seeen scheut
Und vor dem Lande flieht, daß Felß und Meer,
Erschrickt und jammert: So floß in der Burg
Der Feuerregen in ein Feuermeer
Zusammen; Todt und Schrecken schwamm darauf.

Bald donnert‘ in des Schlosses Innerem
Die Flamme wie im Bauch der Höll‘, und fuhr
Zu allen Fenstern und zum Dach heraus
In Strudeln. Und der ganze Bau ward Gluth,
Fiel in einander, wie ein Fels, von Blitz
Gespalten, fällt. Die Erde zitterte;
Des Himmels weiter Raum erscholl umher. –
Zu löschen war umsonst. Auch drang der Feind
Stets wüthender heran, und dacht einmal
Den macedonschen Muth zu schwächen. – Doch
Er schwächt‘ ihn nicht, und Cißides blieb stets
Derselbe; Paches auch. Sie breiteten
Nacht übers Volk Athens, mit Pfeilen, aus,
Ermunterten ihr Heer, und wo Gefahr
Groß war, da waren sie. Begegneten
Sie sich, so sahen sie vergnügt sich an.
Schwieg gleich der Mund, so sprach ihr Auge viel,
Und sagt: Unsterblichkeit ist unser Theil! –
Doch auch die Freundschaft sah zum Blick heraus,
Und es blieb ungewiß, ob Heldenmuth
Die Freunde mehr beherrscht‘, als Zärtlichkeit.
Sie drückten sich die Händ‘, und eilten dann
Wohin sie Ehre trieb, und wo der Tod
In Feur und Stein, und Pfeilen sausete. –
Gleich unerschrocken blieb ihr kleines Heer.
Sah jemand seinen Freund getödtet: floß,
Vom trüben Aug ihm eine Thränenfluth;
Doch schickt er Pfeil auf Pfeil dem Feinde zu. –

Zuletzt befiel den von dem Streit, vom Brand
Und Noth an Ruh, erhitzten Cißides
Ein heftger Durst. Er kämpfte lange schon
Mit Angst und Ohnmacht, weil Getränk gebrach.
(Des Schlosses Brunnen war verschüttet von
Ruinen. -) Ach ich sterbe! sagt‘ er schwach
Zum Paches; schon seh ich den Himmel schwarz;
Durst ist mein Tod und nicht Leosthenes. –
Sein Freund erblaßte mehr für Angst als er,
Und eilte fort, und schöpft in seinen Helm
Von eben nur Erschlagnen, Blut, und brachts
Dem Cißides, und sagte: Trink! Er trank
Und seufzte schaudernd: Ach! ihr Götter! ach!
Wozu bringt ihr die schwachen Sterblichen! –
Allein er ward erquickt, und Heiterkeit
Kam ihm ins Antlitz. Nach dem Thau der Nacht
Erheben Blumen so (die schon die Au
Besäen wollten mit der Blätter Schmuck,
Gedruckt vom Sonnenstrahl des vorgen Tags)
Voll Pracht ihr hangend Haupt, und glänzen, wie
Der helle Morgenstern, der auf sie sieht. –
Er ward erquickt der tapfre Cißides,
Und eilte zu der Maur, wo alles noch
Mit Löwenmuthe stritt‘, ob gleich die Zahl
Der Todten seines Volks schon größer war,
Als der noch Lebenden. Er kam nicht hin!
Ein Pfeil flog über die zerfallne Burg,
Und fuhr dem Helden – Ach erschreckliche
Erinnrung! Müssen auch des Todes Raub
Diejengen seyn, die zu der Erde Glück,
Zu leben ewiglich verdieneten! –
Fuhr in den Rücken ihm und durch die Brust.
Er fiel aufs Angesicht. Gefühllos lag
Er lange so. – Erhohlte sich dennoch,
Und wollte sich erheben, aber Kraft
Gebrach ihm. – Paches kam, und fand den Freund
Im Blute schwimmend. Ach, wer kann den Schmerz
Des Redlichen beschreiben! Ohne sich
Zu regen stand er. – So erstarrt die Fluth
Im Winter, wenn der rauhe Nordwind stürmt;
Sein Athem rührt sie an, und sie ist Stein.
Ach, sagte Cißides, zieh doch den Pfeil
Mir aus dem Rücken, Freund, und kehr mich um!
Der Tod fürs Vaterland wird mir nicht schwer;
Die Art des Todes nur wird mirs. Wer so
Mich findet, kann vermuthen, als hätt ich
Die Brust dem Feinde nicht gezeigt. Laß nicht
Mit Schande mich mein Leben endigen,
Da stets mein Wunsch nur Ehr und Tugend war!
Und Paches zog den Pfeil18 zur Wund‘ heraus
(Blut stürzt dem Eisen nach, wie Wasser aus
Der Quell‘) umarmet‘ und erhub den Freund
Mit Thränen in dem Aug, und kehrt ihn um.
Hab Dank! – – Leb ewig wohl! – – sprach Cißides,
Freund! – – und verschied. Von tausend Sterbenden
Die Quaal zusammen, ist kein Theil der Quaal,
Die Paches fühlt‘. Er glaubt nur halb zu seyn,
Wehklagte laut und irrte wild umher,
Wie eine Löwin in der Wüste, wenn
Man ihr die Jungen raubt. Das Heer erschrack,
Und klagte mit. Der Feind erfuhr den Schmerz
Desselben, durch Ballist und Katapult.
Von Neuerschlagnen raucht umher das Feld,
Blut und Gehirn und Leichen deckten es.


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