Gedichte König Odo

Aus dem Kloster hallen Glocken,
Tausend Lichter funkeln helle,
Die den Zug der Beter locken
Nach der hohen Kirchenschwelle.

König Odo kommt gefahren,
Hört vom alten Turm Geläute,
Und er fragt die frommen Scharen:
Aber welch ein Fest ist heute?

Sie erwidern drauf und sagen:
Eine Jungfrau nimmt den Schleier,
König Odo springt vom Wagen,
Tritt hinein und schaut die Feier.

Um den heiligen Brauch zu wehren,
Ruft er aus am Hochaltare:
Keine Schere soll versehren
Diese langen, blonden Haare!

Über diese feuchten Blicke
Möge nie ein Schleier fallen,
Und kein härnes Kleid ersticke
Dieser Brust gelindes Wallen.

Reißend vom Altar die Reine,
Trat er nun hervor und tobte:
Christus werde nie der Deine,
König Odos Anverlobte!

Frevelvoll und voll von Wonne,
Selig im erbotnen Tausche,
Neigt sich die betörte Nonne
Seinem schönen Liebesrausche.

Als die Nacht begann zu schauern
Um die Stunde der Gespenster,
Zitterten des Schlosses Mauern,
Und es flogen auf die Fenster.

Bebend sahn empor die Gatten,
Und ans goldne Lager beider
Trat ein weißer Zug von Schatten,
Angetan in Nonnenkleider.

Alle hielten rote Kerzen,
Welche blau und düster flammten,
Und die junge Braut vom Herzen
Rissen sie dem Gottverdammten.

Hülfe ruft er, greift verwegen
Zur geschliffnen Wehr im Grimme;
Aber ihm versagt der Degen,
Aber ihm versagt die Stimme.

Und das Mädchen ziehn am Haare
Jene fort, das arme, bleiche,
Legen dann auf eine Bahre
Die lebend’ge, schöne Leiche.

Und der König folgte bange,
Seiner Sinne halb nur mächtig:
In der Kirche Säulengange
Hielt der lange Zug bedächtig.

An des Altars hoher Schwelle
Tut ein Grab sich auf mit Grauen,
Ausgehöhlt, gespenstig schnelle,
Von den weißvermummten Frauen.

Mit Gewalt sein Weib zu holen,
Rafft sich auf im Wahn der Gatte;
Aber unter seinen Sohlen
Dreht sich jede Marmorplatte.

Und er sieht die schönen Glieder
Eingesargt in einem Schreine,
Will hinzu, doch immer wieder
Schwanken unter ihm die Steine.

Und der Schaufeln Ton verstummet,
Stille wird’s im Gotteshause,
Nur die Glocke, wenn sie brummet,
Unterbricht die tiefe Pause.

Und das Dunkel weicht, die Sonne
Hebt am Horizont sich steiler,
Man entdeckt das Grab der Nonne,
Und den König tot am Pfeiler.

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