V. Denke

Die Nacht im weißen Gefängnis ist mondperl und hoch,
Glanzbraune Gerüste kreuzen vor der Luke in die Zukunft,
Der Führer liegt auf der wulstigen Pritsche,
Ein Spitzelauge haarig schmal witzte durch das Guckloch der glatten Eisentür.
Er liegt ganz still, daß das Blut durch die graden Glieder fließt und zurückschießt,
Der Turm braun bewachsen des Haupts wird auf und herab bestiegen eilends von Wachen.
Tief unten der Wassergraben des Munds liegt in Dürre.
Draußen warten die dunklen bewegten Felder auf den Feuerschein.
O Mund, bald schwimmen bewaffnete Haufen wie schwarze Wellen hervor,
Braunes Haupt, du schleuderst sie krachend weit ins Land,
O Schein des Auges, der das Ziel im Brandfeuer trifft.
O Kuppel, darin die neuen Häuser der Erde schweben, flach ineinandergehüllt, zahllos, und Bildsäulen, Wälder, Sprachen,
Du kristallenes Haupt!

Liegst nun schweigend im weißen Würfel der Zelle auf nächtigem Pritschenrand,
Die Finger schmal zu den Seiten wie morgen im Grab.
Aber dein Pulsschlag klopft schon sacht durch die Mauerröhren der Burg,
Die Wärter flüstern verboten den Gefangenen zu.
Dein Bruderauge kreist schauend wie bewegter Stein durch die wachenden Zellen hin.
Denke du durch alle Gefangenenhirne, hinaus zu den Wachen, über die Höfe, hinaus in die Straßen!
Der Stein über dir aufgetrieben, schwillt.
Dein Haar ist die Plattform der schlaflosen Wachen,
Die Steinmauern in deinem Blut atmen auf und ab von deinem Beben,
Die Gitterfenster rund hoch um das Haus sind dunkel aus deinem Blick.
In Jahrtausenden ist die Burg dein Abbild weit in die Länder hin, dein Name schwebt feuergroß auf dem Himmel, über deinem riesenhohen Steinkopf.

Führer, schlafe heute nacht nicht. Nur diese Nacht denke noch!

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