Gedichte Muß sie gleich sich itzund stellen

Muß sie gleich sich itzund stellen /
Als wer‘ ich ihr unbekant;
Meynt drüm nicht / ihr Mittgesellen /
Daß ihr Sinn sey ümmgewand.
Ihre Treu‘ in unsrem Handel
Die weiß gantz von keinem Wandel.

Amor liebet solche Hertzen /
Die deß Mundes Meister seyn /
Die bey trauren können schertzen /
Und erfreuet seyn in Pein.
Wer will Haßfrey seyn im lieben
Der muß sich im Bergen üben.

Also wenig sie sich hassen /
Und nicht selber sie seyn mag /
Also wenig wird sie lassen /
Den / der sie zu seyn stets pflag.
Eins / das sich dem andern giebet /
Liebt es / wie sichs selten liebet.

Dennoch hat sie mich im Sinne /
Hat sie mich im Auge nicht.
Nicht ists aussen / sondern drinne /
Was mir ihre Gunst verspricht.
Müssen schon die Lippen schweigen;
Sie denckt doch: der bleibt mein eigen.

Recht so / Schwester. Laß nicht mercken /
Was dich heimlich labt und kränckt.
Man verräth sich mit den Wercken /
Der bleibt sicher / der viel denckt.
Laß sie sagen / was sie wollen /
Wir nur wissen / was wir sollen.

Sey dir ähnlich / und verbleibe /
Die du vor warst / und noch bist.
Und denck nicht / weil ich nichts schreibe /
Daß mein dencken dich vergißt.
So gedenck‘ ich stetigs deiner /
Daß ich auch vergesse meiner.


Gedichte Muß sie gleich sich itzund stellen - Fleming